Stadtleben : Vorzeigeprojekt im Hinterhof

Einst war das Begegnungszentrum Fabrik Osloer Straße nur geduldet, heute gilt es als Vorbild für soziales Engagement – und feiert 25-jähriges Bestehen

Jörg Oberwittler

Kindergebrüll vermischt sich mit Maschinenlärm im Innenhof der „Fabrik Osloer Straße“. Das Vorzeigeprojekt des Begegnungszentrums in Wedding ist nicht zu überhören: das Kindermuseum Labyrinth. Juchzend tollen die Kleinen durch die Fabrikhalle, schlüpfen in orientalische Kleider, beäugen exotische Früchte. Doch der wichtigste Teil der ehemaligen Industrieanlage verbirgt sich im Hinterhof. Kreissägen fahren durch Holzplatten, Pinsel gleiten über Fensterrahmen. Es riecht nach Lack und Holz. 30 Jugendliche machen ihre Ausbildung zum Fahrradmonteur, Schlosser oder Gas- und Wasserinstallateur. Seit genau 25 Jahren bietet das Stadtteilzentrum hier sozialen Projekten in Wedding ein Dach.

Ruth Ditschkowski kennt den Geruch seit 25 Jahren. Die Erzieherin gehört mit zum Vereinsvorstand, hat die Hausbesetzerzeit der Anfangsjahre und die Renovierung des heruntergekommenen Geländes – 1977 zog die Firma „Alfred Roller“ für Zündholzmaschinen aus – hautnah miterlebt. Beim Rundgang erzählt die 51-Jährige, wie sie in den siebziger Jahren im Nachbarhaus eine Wohnung besetzt hatte. Die leeren Fabrikhallen vermietete die Wohnungsbaugesellschaft Degewo an den Bund Deutscher Pfadfinder. Dessen Jugendwohnprojekte fanden auf dem Gelände Unterschlupf. Später zogen dann Handwerksbetriebe ein, weitere soziale Projekte folgten.

„An den Wochenenden habe ich den Hof gefliest und Fenster abgebeizt“, erzählt Ditschkowski. Wöchentlich tagte der „Fabrikrat“, in dem alle Projektgruppen debattierten. 1982 entstand der Trägerverein „Fabrik Osloer Straße“, der im Juni sein 25-jähriges Bestehen feiert. Was von der Stadt zunächst nur geduldet war, gilt heute als Vorzeigeprojekt. Auf 6000 Quadratmetern Nutzfläche teilen sich eine Kindertagesstätte, eine Gäste-Etage der Pfadfinder, eine Schlagzeugschule, das Kindermuseum und ein Nachbarschaftstreff die sanierten Etagen.

Ditschkowski leitet die „Nachbarschaftsetage“, lebt inzwischen aber in Schöneberg. Sie kann von Mutter-Kind-Gruppen erzählen, von Geburtsvorbereitungs- und Yoga-Kursen sowie von einer „Schreibaby-Ambulanz“, die Eltern mit besonders schreifreudigen Babys begleitet. Das Angebot nutzen hauptsächlich Migranten.

20 Frauen der Frühstücksgruppe üben jeden Mittwoch in der ersten Etage Bauchtanz. Ein Stockwerk tiefer vibriert im Büro von Geschäftsführer Martin Beck dann jedes Mal die Decke. Der Verein finanziere sich über die Mieteinnahmen der Projekte und durch Fördergelder vom Senat, erklärt er. Doch leider werde der Jugendhaushalt oft als Sparhaushalt missverstanden. Zudem bleibe trotz vieler kleiner Erfolge der Frust, dass die Menschen in Wedding immer stärker von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen seien.

Eine der kleinen Erfolgsgeschichten ist die Biografie von Stefan Hochhaus. In der Fabrik macht der 20-Jährige eine Lehre als Fahrradmonteur und holt seinen Hauptschulabschluss nach. Schuleschwänzen, Drogen, Jugendstrafen – das sei für ihn Vergangenheit. „Ich hab’ früher viel Scheiße gebaut. Hier kann ich zeigen, dass ich doch was schaffen kann.“

Zum Jubiläum am Sonnabend, 2. Juni, bietet die Fabrik, Osloer Straße 12, ab 15 Uhr ein Kinder- und Musikprogramm mit Party ab 21 Uhr an. Der Eintritt ist frei. Im Internet: www.fabrik-osloer-strasse.de

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