Stadtleben : Wächter der Nachtwelt

Wer kommt rein? Wer bleibt draußen? Acht Regeln für einen erfolgreichen Umgang mit Türstehern

Kolja Reichert

Das Berghain, der edle Technotempel in Friedrichshain, ist ohne eine fünfzig Meter lange Schlange nicht zu denken, und noch weniger ohne Sven Marquardt. Mit Ganzkörpertätowierung und schwerem Eisengehänge an Ohren und Nase ist er zugleich Prototyp und Karikatur des Türstehers. In einer Nacht flogen Steine gegen das Berghain, geschleudert von zornigen Abgewiesenen. Von der Kasse aus konnte man noch beobachten, wie sich Marquardt langsam und würdevoll seine Lederhandschuhe überstreifte und nach draußen ging ...

Die Türpolitik des Berghain ist eine der berüchtigsten Berlins, vor allem weil sie so schwer durchschaubar ist. In den Edeldiscos wie 90 Grad und Felix ist wenigstens klar, wie man auszusehen hat: nach Geld. Da schauen die Türsteher erst mal auf die Füße. Wer Turnschuhe trägt, hat keine Chance. Selbst Britney Spears wurde einst abgewiesen, sie trug Sneakers. Den Türsteher kostete das allerdings den Job.

Das Nachtleben ist voller Legenden und Mythen, und viele drehen sich um die Sagenfigur des Türstehers. Er gehört zum Cluberlebnis wie der Höllenhund Cerberus zur Unterwelt. Er entscheidet, wer rein darf und wer nicht, nach Gesetzen, die nur er kennt.

Wieviel bleibt vom Ruf der offenen Stadt, wenn in Berlin die Nacht anbricht und sich vor den Clubs die Feierwilligen in Schlangen drängen? Eine Blitztour spürt den geheimen Grenzen nach, die die Nacht durchziehen.

Samstag Abend, 23:00, Rodeo Club im alten Postfuhramt an der Oranienburger Straße. Im herrschaftlichen Kuppelsaal sitzt die Mitte-Schickeria an Tischen zum Dinner. Galeristinnen, Werber, Künstler. Frauen in Abendkleidern und Männer, die betont lässig Hemd und Baseballkappe kombinieren. Später wird in den kleinen umliegenden Räumen zwischen Sechziger-Jahre-Tapete getanzt. Die Adresse kennt nur, wer sich auf der Website in den Newsletter eingetragen hat. Und es darf nur rein, wer dem Türsteher gefällt. Drei Jungs und drei Mädchen, Deutsche südlicher Herkunft in Sportklamotten, jedenfalls nicht. Sie ziehen enttäuscht ab.

Regel Nummer eins für erfolgreiche Clubbesucher: Beachte den Stylecode.

Katrin R., 31, Regieassistentin, platzt beim Thema Türpolitik der Kragen: „Dieser Wunsch, unter seinesgleichen zu bleiben, ist nur peinlich. Hier werden sich alle immer ähnlicher.“ Dann setzt sie noch eins drauf: Gesichtskontrollen seien „faschistoid.“ Sie ist mit Julia B. aus Wien hier. Die findet auch: „Wenn mehr Vielfalt herrscht, macht es mehr Spaß.“

Vielfalt scheint es aber nicht zu sein, was Clubgänger suchen. Im Gegenteil: In Berlin wird zurzeit gerne Geld ausgegeben, um unter sich zu sein – sei es im Clubrestaurant Spindler & Klatt am Rande Kreuzbergs oder im Bangaluu in der Invalidenstraße, das sein Restaurant vielsagend „Private“ nennt. Hier wird das Gefühl verkauft, etwas Besonderes zu sein.

Das ist zunächst nicht sonderlich überraschend, schließlich definieren sich Clubs schon immer über Ausschluss. Als sich im 17. Jahrhundert in London die ersten Clubs gründeten, waren das Zusammenschlüsse feiner Herren, die sich in Kaffeehäusern trafen. Beitreten durfte nur, wessen Geschmack, Meinung und Status den Mitgliedern zusagte. Heute entscheiden sogenannte „Selekteure“, wer hineinpasst. Das richtige Publikum sorgt schließlich für die richtige Atmosphäre. Und die richtige Atmosphäre lockt das richtige Publikum.

Sonntag morgen, 1:00 Uhr, das Watergate am Schlesischen Tor. Der angesagte Elektroclub ist auch unter Touristen sehr beliebt. Die sollten allerdings folgende Fehler vermeiden: zu jung, zu laut, zu viele auf einmal.

Regel Nummer zwei: Sei keine betrunkene spanische Reisegruppe.

2:00 Uhr, eine Taxi-Kurzstrecke weiter: der neu eröffnete Tresor in der Köpenicker Straße. Hier ist es ziemlich egal wie man sich kleidet. Ein paar Tabus gibt es dennoch: „Gangsterrapper oder Marzahner Pumper“ kämen nicht rein, berichtet ein Insider aus der Türsteherszene. Man könne gleich erkennen, wer zum Tanzen käme und wer nur Drogen verkaufen wolle. „Die Dummen kommen eben auch oft dumm daher.“ Auch wenn es den persönlichen Prinzipien wiederspricht – als Türsteher lernt man schnell, in Klischees zu denken.

Regel Nummer drei: Gib dich harmlos.

3:30 Uhr, Alexanderplatz. Der Bürgersteig vor dem Eingang zu Berlins höchstem Club, dem Weekend im Haus des Reisens, ist leer. Und das bei einem weltweit angesagten Laden? „Der Club ist voll“, klärt der Türsteher auf, „wir lassen hier niemand mehr rein.“

Anna G. aus Italien wartet einfach fünf Minuten, dann wird sie mit ihrem Freund durchgewunken.

Regel Nummer vier: Glaube dem Türsteher nicht.

Auf der schicken Dachterasse im 17. Stock genießen die Studentinnen Steffi H. und Janna S. die Aussicht. Sie sind gekommen, als die Schlange am längsten war, hatten aber keine Lust zu warten und reihten sich gleich vorne ein, wo gerade drei junge Frauen erbittert mit dem Türsteher argumentierten. „Geht bitte zur Seite“, beendete der die Diskussion.

Regel Nummer fünf: Fang nicht an zu diskutieren.

„Ihr seid zu zweit?“ fragte der Türsteher Steffi und Janna. Die nickten. „Geht rein.“

Regel Nummer sechs: schön sein.

Regel Nummer sieben: Nutze das Good-Guy-Bad-Guy-Prinzip. Hat Dein Vorgänger die Nerven des Türstehers blank gelegt, stehen Deine Chancen am besten.

Sascha D. ist auch ohne Probleme reingekommen. Ein bisschen Sortierung findet er nicht schlecht, vor allem die Auswahl im Weekend lobt er: „Man sieht ja, dass das hier zusammen passt.“ Der 20-jährige wohnt erst seit einem halben Jahr in Berlin. Vorher war er Partyfotograf in Hamburg, deshalb kennt er die Clubszene der Hafenstadt auch in- und auswendig. Sein Eindruck vom Nachtleben: „Die Einlasspolitik ist dort lockerer und die Preise sind kleiner.“ Ein paarmal war er in Stockholm, dort sei ihm aufgefallen, dass vor allem Touristen immer willkommen sind – anders als in Berlin.

Berlin, die weltoffene, tolerante Stadt – wenn es Nacht wird und sich vor den Clubs die Schlangen bilden, zeigt sie so manchem die kalte Schulter.

Sonntag morgen, 6:30 Uhr, Potsdamer Straße: Das Sonnenlicht spiegelt sich in den Scheiben des 40 Seconds im 8. Stock. Die Tür ist verschlossen.

Regel Nummer acht: Wisse, wann der Laden schließt. Kolja Reichert

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