Weltreise trotz Krankheit : Der Etappensieger

Wer 500 Meter schafft, der kommt auch um die Welt. Das meint jedenfalls Reisereporter Knud Kohr. Er hat Multiple Sklerose, lässt sich davon aber nicht vom Reisen abhalten und hat ein Buch darüber geschrieben.

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Handicap. Bei Knud Kohr wurde Multiple Sklerose festgestellt. Trotz der Diagnose ging er auf Weltreise.
Handicap. Bei Knud Kohr wurde Multiple Sklerose festgestellt. Trotz der Diagnose ging er auf Weltreise.Foto: Georg Moritz

Der Mann kümmert sich. „Brauchen Sie ’ne Tablette?“, fragt er sein kopfschmerzgeplagtes Gegenüber. „Danke, schon genommen, wird sicher gleich besser.“ Bei Knud Kohr selbst wird es das nie mehr. Eher schlechter. Knud Kohr ist 44, hat Multiple Sklerose seit sieben Jahren, vermutlich länger. MS ist unheilbar, eine entzündliche Krankheit des Zentralen Nervensystems, die schubweise oder schleichend verläuft, mindestens 122 000 Deutsche betrifft, tausend Gesichter hat, zu unterschiedlich starken Behinderungen führt und manchmal auch zum Tod.

Beim Journalisten, Drehbuchautor und Schriftsteller Knud Kohr, der unter anderem für den Tagesspiegel, die „Neue Zürcher Zeitung“ oder „Abenteuer und Reisen“ schreibt, schlägt sie hauptsächlich auf den Bewegungsapparat. Ganz schlecht für einen Reisereporter. Trotzdem hat er nach dem Schock der Diagnose einfach weitergemacht. Zu Hause sitzen bleiben liege ihm nicht, sagt er. Mit den bleischweren Beinen, der ewigen Umfallerei, dem Unwohlsein und Schwindel wurde das Reisen mit Schneemobilen, Elefanten, Ochsenkarren oder Kanus in Kanada, Mexiko, Laos oder Neuseeland nicht immer ein Spaziergang. Jetzt ist sein neues Reisebuch „500 Meter. Trotz Multipler Sklerose um die Welt“ im Verlag Rütten und Loening erschienen, kommenden Donnerstag ist die Buchpremiere in Lehmanns Buchhandlung, Tagesspiegel-Redakteur Wolfgang Prosinger moderiert.

Der Mann geniert sich. Nicht für seinen Schneckengang, mit dem er sich auf der Krummen Straße in Charlottenburg auf sein Stammcafé Olive zuschiebt. Nicht für die beiden Walkstöcke, die ihm die MS als Schmuck beschert hat. Nicht für Ängste, Zweifel, Schuld, Selbstmitleid oder Wut, die natürlich auch ein tapferer chronisch Kranker, wie im Buch zu lesen, fühlt. Nein, die Fotografiererei vorm Café dauert ihm schon viel zu lange. Er wohnt schräg gegenüber, und alle Nachbarn gucken zu. So viel Sinn für Diskretion passt ja eigentlich schlecht zu einem, der gerade seine als Reisebuch getarnte Krankengeschichte der Öffentlichkeit vorlegt. Doch Kohr ist auch als Schreiber eher ein Lakoniker mit MS als einer dieser super intimen, hoch dramatischen „Ich zeig euch meine Wunde“-Autoren, die das Genre hervorgebracht hat. Das Credo des in Cuxhaven geborenen Kohr stammt aus einem Witzebuch des ebenfalls mit trockenem norddeutschem Humor gesegneten Hans-Joachim Kulenkampff: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“

Der Mann traut sich was. Einmal, zu behaupten, dass einer, der nur 500 Meter am Stück gehen kann, auch um die ganze Welt kommen kann, und das dann auch noch selbst zu machen. Und dann, dem in den letzten Jahren heftig angeschwollenen Berg von Krankheitsbüchern, worunter sich auch jede Menge MS-Mutmacherberichte finden, ein weiteres hinzuzufügen. Störe ihn nicht, zuckt er die Schultern. „Es hat auch Liebesgeschichten vor und nach Romeo und Julia gegeben.“ Kohrs Zwitter aus Reiseabenteuern und Befindlichkeitsbeschreibung erweitert immerhin sowohl die Genre-Bandbreite als auch die Weltsicht. Und trotz des wenig subtilen Verlagstitels ist „500 Meter. Trotz Multipler Sklerose um die Welt“ keine sportive Leistungsschau nach dem Motto „Ohne Beine auf den Mount Everest“. So etwas findet Knud Kohr schrecklich, genauso wie das Wort Betroffenheitsbuch. „Ich bin Erkrankter, nicht Betroffener.“ Und als solcher ist er froh, in einer Welt zu leben, die gar nicht so kalt zu Kranken ist, wie man immer glaubt. Keiner seiner alten Auftraggeber hat den gehandicapten Reisereporter und ausgewiesenen Box-Experten ausgemustert, und im Buch wimmelt es weltweit nur so von hilfreichen Menschen, die sogar Heilgesänge und Gebete für seine Beine anstimmen. Auch in der Uckermark und hier in Berlin, wo ihm öfter mal wer über die Straße hilft. Eine Botschaft habe sein Buch übrigens durchaus, sagt Knut Kohr. Sie klingt lakonisch, ist aber visionär: „Nehmt euch einfach was vor, vielleicht klappt’s ja.“ Gunda Bartels

Lehmanns Buchhandlung, Hardenbergstraße 5, Charlottenburg, Do 14.10., 20.30 Uhr, 6 Euro

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