Zehlendorf : Hinterm S-Bahnring geht’s weiter

Vereinslokal als In-Location: Gefeiert wird nicht nur in Szenevierteln. Jetzt hat auch Zehlendorf eine eigene Elektroparty.

 Elena Senft
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In der Party-Diaspora. Tanzen lässt sich nicht nur in schicken Mitte-Clubs. -Foto: ddp

Die Logik ist simpel und für jedermann nachvollziehbar: Warum abends zum Feiern nach Prenzlauer Berg fahren, wenn der Hockeyverein in der Zehlendorfer Nachbarschaft doch die exzessivsten Vereinspartys schmeißt? Will nicht jeder lieber nach Hause laufen, anstatt das Nachtbusnetz der BVG zu strapazieren, irgendwann wieder allein im Bus zu sitzen, am Ende doch einzuschlafen und schon wieder am BVG-Betriebsbahnhof aufzuwachen?

Warum im Sommer in den Mauerpark fahren, wenn man auch nachts in der Kiesgrube im Grunewald oder an der Krummen Lanke schön laut feiern kann? Warum sich in die Friedrichshainer Bars setzen, die so aussehen wie das Wohnzimmer von Oma, wenn die eigene Oma doch tatsächlich ihre echte Gartenlaube zur Verfügung stellt?

Die Berliner Randbezirke feiern weitestgehend unter sich. Und aus Mangel an geeigneten Locations und Alternativen gerne auch mal in der Vereinskneipe. Ein bisschen aus der Weigerung heraus, den eigenen Bezirk zu verlassen, was vor allem bei Minderjährigen verständlich ist, die natürlich keine Lust auf eine Stunde Fahrtweg haben, wenn sie um Mitternacht zu Hause sein sollen.

Zehlendorf seit langem mit eigenständiger Partykultur

Natürlich gucken die Mitte-Partygänger oder der Tourist, der in zahlreichen Reiseführern von Berlins ans New York der siebziger Jahre erinnernden Nachtlebens gelesen hat, etwas pikiert, wenn man vorschlägt, am Samstagabend bei einer Party der evangelischen Hochmeistergemeinde in Wilmersdorf aufzuschlagen. Aber auch deswegen, weil man doch nicht automatisch mehr Spaß am Feiern hat, weil die Feier-Location gemeinhin als cooler angesehen wird.

Vor allem der Bezirk Zehlendorf brüstet sich seit langem mit einer eigenständigen Partykultur. Und nun auch mit einer eigenen Elektroparty. Zum zweiten Mal findet am Sonnabend die Partyreihe mit dem sperrigen Namen "Zehlendorfer Elektro Rave“ im "Club A18“, der zum "Studentendorf Schlachtensee e.V.“ gehört, statt. Internetseiten von Elektropartys ähneln sich in der Regel: Sie mögen Neonfarben auf dunklem Grund und bilden in spärlichen Fotogalerien gerne Gäste ab, die grelle Herbert-Wehner-Gedächtnisbrillen tragen und wenn möglich nicht lächeln. Einfache Internetseiten, je mehr Understatement desto besser. Die Homepage der jungen Berliner Elektroparty hat den Understatement-Vogel abgeschossen, denn in ihrer Wegbeschreibung steht: "S-Bahnhof Nikolassee“ und, noch besser, „Bus 118er bis Kurstraße“. Namen, die noch keinem schwäbischen Mitte-Elektrofan jemals untergekommen sein dürften.

Wer sich nun aber vorstellt, wie Massen cooler Elektromenschen mit schiefen Frisuren am Schlachtensee auf der Suche nach der neuen In-Location herumirren und in Straßen, die "Pilzwald“ heißen nicht wissen, wen man nach dem Weg fragen soll, der irrt. Denn es kommen fast nur Zehlendorfer zu der Party. Denn natürlich funktioniert die simple Logik auch in umgekehrter Richtung: Warum sollte jemand aus Mitte hierher fahren?

Übermaß an Zehlendorfer Lokalpatriotismus

Das separatistische Nachtleben der Randbezirkler ist trotzdem oft kein territoriales Phänomen, sondern eine Sache der Identifikation. Gerade ein Bezirk wie Zehlendorf, bei dem es passieren kann, dass Bewohner Facebook-Gruppen gründen, die "We’re not arrogant, we just know, that we’re better“ heißen und immerhin 361 Mitglieder haben, wartet mit einem Übermaß an Lokalpatriotismus auf. So wäre eine Veranstaltungsreihe namens "Spandauer Nächte“ irgendwie undenkbar. Die Reihe "Zehlendorfer Nächte“ hingegen, die nicht mal in Zehlendorf, sondern im "Felix“ in Mitte stattfindet, hat Tradition. Hier treffen sich Mädchen mit Perlenohrringen und Jungs mit hochgestellten Hemdkragen, um auch außerhalb von Zehlendorf unter sich zu sein. So wie es die Grunewalder bei der Partyreihe „Helden der Nacht“ tun, die ebenfalls meist in Mitte stattfindet.

Stephan Dau, der vermutlich einzige gebürtige Lübecker, der es geschafft hat, in der Zehlendorfer Party-Community dauerhaft Fuß zu fassen und Westberliner-Randpatriotismus zu verstehen, ist bereits für die „Zehlendorfer Nächte“ verantwortlich und nun für den „Zehlendorfer Elektro Rave“. Und wenn er über die einschlägigen Partybezirke spricht und darüber, warum er seine Elektroparty nicht dorthin gelegt hat, dann tut er das wie ein echter Westberliner: "Ist doch gut, wenn die für die Party auch mal nicht in den Osten fahren müssen.“

Die Zehlendorfer Events gehen also zurück zu ihren Wurzeln, zumindest für dieses Datum. Im Sommer wird die Partyreihe wohl woanders stattfinden. Dau ist sicher, dass am Sonnabend fast nur Zehlendorfer kommen. "Man fühlt sich immer dahin gezogen, woher man kommt.“

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