Zehlendorf : Kalte Küche im Finanzamt

Das Casino im vierten Stock des Finanzamtes an der Zehlendorfer Martin-Buber-Straße ist sozialer Treffpunkt, eine Institution in Zehlendorf. Jetzt hat es zum Abschiedsessen geladen, zur Henkersmahlzeit.

Christian van Lessen
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Leibgericht. Zum Abschied serviert Hartmut Keller Roulade mit Rotkohl. -Foto: Thilo Rückeis

Ira Keller steht am Eingang des Casinos, bietet jedem Gast ein Gläschen Sekt oder Orangensaft an, lächelt tapfer. Ihr Mann Hartmut, der Küchenchef, gibt über den benachbarten Tresen die Tagesgerichte aus – und hat für jeden Kunden ein freundliches Wort. Fast alle nennt er beim Namen. Er wirkt heiter und routiniert. Die Eile lässt nicht zu, jetzt Gefühle zu zeigen. „Die Trauer“, sagt er, „kommt erst in zwei, drei Tagen“. Denn das Casino wird künftig geschlossen bleiben.

Die speckgefüllte Roulade mit Rotkohl und Knödeln für Vierfünfzig geht heute besonders gut, aber auch die große Currywurst, das Schinkenschnitzel, für Vegetarier die mit Frischkäse gefüllten Kartoffeltaschen. Es sind die Lieblingsgerichte der Gäste. Gut 300 sind am Donnerstagmittag wieder gekommen. Das Casino im vierten Stock des Finanzamtes an der Martin-Buber-Straße ist sozialer Treffpunkt, eine Institution in Zehlendorf. Nun lädt es zum Abschiedsessen, zur Henkersmahlzeit. Die Gäste verstehen das nicht, sind traurig, weil das auch für sie einen Einschnitt im Alltag bedeutet.

Da ist der alleinstehende Postpensionär Herbert Weißenborn, der seit 15 Jahren fast täglich hier isst. „Wo soll ich jetzt hin?“ Die Rathaus-Kantine gegenüber hat ihm nie so recht gefallen. Da sind die zwei Frauen vom Jugendamt, die hier seit 34 Jahren Mittag essen, schon vom Vater des Küchenchefs bekocht wurden. Baustadtrat Uwe Stäglin genießt es, auf dem Weg vom Büro zur Kantine schräg gegenüber Luft zu schnappen und einfach das Rathaus zu verlassen. Neben Bezirks- und Finanzamtsleuten kommen vor allem viele ältere Menschen aus der Umgebung, man kennt sich, trifft hier beim Mittagessen Bekannte. Das ist vorbei. Drei Jahre haben die Kellers gekämpft, eine fast 30-jährige Familientradition zu retten. Die landeseigene Berliner Immobilien-Gesellschaft wollte bei einer Vertragsverlängerung mehr Geld, argumentierte mit fehlender Wirtschaftlichkeit.

Beide Seiten fanden nicht mehr zueinander. Schon im Mai schien die Sache besiegelt, es gab einen letzten Aufschub, die Kellers versuchten mit ihren Mitarbeitern gleichzeitig eine Polizeikantine zu bewirtschaften. Sie stiegen aus, als sich zeigte, dass zu wenig Leute kamen.

Wo es proppenvoll ist, wird es leer. Heute, am Freitag, gibt es ein wirklich letztes Essen. Hausgemachter Hackbraten, gebratenes Barschfilet. Dann packen der Wirt und seine Frau zusammen, ziehen nach Kleinmachnow, bewirtschaften eine Schulküche. Sie sind dem Finanzamt verloren gegangen. Auch als Steuerzahler. 

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