Berlin : Stadtmenschen: Laute Poesie

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Die Russen haben das Postfuhramt in der Oranienburger Straße erobert, und sie verkünden es allen Anwohnern und Passanten per Megaphon. Lautpoet Dmitrij Bulatov aus Kaliningrad sitzt am Mittwochabend vor dem Eingang in einem sowjetischen Armeejeep und spielt scheppernden, kreischenden und zwitschernden Lärm vom Band, bevor er das Programm des Eröffnungsabends von "Davaj!" deklamiert. Die wörtlich genommene Laut-Poesie ist der Polizei nach wenigen Minuten zu laut, sie zieht dem Künstler den Stöpsel raus. Mit solchen Aktionen staatlicher Organe, so der Wiener Museumsmann Peter Noever, Mitveranstalter des Blicks ins "Labor der freien Künste in Russland" mit einem säuerlichen Lächeln, habe Berlin mit der österreichischen Hauptstadt immerhin eine Gemeinsamkeit. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin erkennt in den wilden Performance-Videos, sibirisch-rohen Fotomontagen und labyrinthischen Sammelsurien der jungen russischen Kunstszene den "Zustand der Unordnung, bis hin zu anarchischen Tendenzen", wieder, in dem sich die russische Gesellschaft befinde. Zu den faszinierten Berliner Museums-Gästen gehört am Eröffnungsabend die sonst eher dem russischen Realismus zugetane Galeristin Eva Poll.

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