Berlin : Stadtmuseum: Pauline für die Ewigkeit

Andreas Conrad

Zu festlichen Anlässen die richtigen Töne zu finden, ist oft heikel. Nur selten liegt der ausgewählte Komponist so nahe wie gestern Abend im Nicolaihaus in der Brüderstraße. Denn was immer man auch sonst noch auswählen würde zur feierlichen Umrahmung, Felix Mendelssohn Bartholdy würde dabei sein.

Dabei ging es gar nicht mal um ihn, vielmehr um seine Nichte, die früh gestorbene Henriette Felicia Pauline, Tochter seines jüngeren Bruders Paul. Man weiß nicht viel über sie, aber eine Erinnerung hat alle Unwägbarkeiten der Geschichte überstanden und wird bald vor aller Augen gezeigt werden: ihr wahrscheinlich erst nach Paulines Tod 1863 von dem Berliner Maler Julius Schrader in Öl geschaffenes Porträt. 1978 war es der in Berlin ansässigen Mendelssohn-Gesellschaft von Nachkommen der Familie geschenkt worden, lagerte mangels Ausstellungsmöglichkeiten lange Zeit im Depot. Demnächst aber wird es im Märkischen Museum zu sehen sein: Die Mendelssohn-Gesellschaft mit ihrer Vorsitzenden Elke von Nieding hat dieses herausragende Dokument Berliner Familien- und Kulturgeschichte dem Stadtmuseum als Dauerleihgabe überlassen.

Nur 19 Jahre alt wurde die Tochter des Privatbankiers Paul Mendelssohn Bartholdy, der zugleich passionierter Kunstsammler war. Woran sie starb, ist unbekannt, möglicherweise war es ein Blinddarmdurchbruch. Auch ihr genaues Todesdatum und der Ort sind unbekannt: 22. oder 23. Juni 1863, Berlin oder Dresden - die Angaben widersprechen sich. Begraben wurde sie neben ihren berühmten Verwandten Felix und Fanny auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof vor dem Halleschen Tor, ihre Eltern waren früh vom Judentum zum evangelischen Glauben konvertiert.

Die kinderreiche Familie hatte in der Französischen Straße gewohnt, nahe dem Bankhaus in der Jägerstraße. Im Wohnraum fand Paulines Bildnis, 142 mal 103 Zentimeter groß, einen würdigen Ort. Ein weiteres Bild, als Hochzeitsgeschenk für die jüngere Schwester Käthe entstanden, zeigte die unter Paulines Porträt versammelte Familie. Es hat den Krieg nicht überstanden.

Auch von Paulines Mutter gibt es in den Berliner Museen ein Porträt, als Braut ist sie madonnengleich dargestellt, wie dem christlichen Mittelalter entstiegen. Das Gemälde gehörte zum Bestand der Jüdischen Abteilung, ging also ins Jüdische Museum über. Ein Versuch von Reiner Güntzer, Generaldirektor der Stiftung Stadtmuseum, der Tochter wieder die Mutter zuzuführen, im Tausch gegen zwei Werke aus seinem eigenen Haus, blieb bislang ohne Erfolg.

Das Stadtmuseum erhält ein im Auftrag der Mendelssohn-Gesellschaft frisch restauriertes Werk. Wochenlang hatte der Praktikant Jakob Wedemeyer unter Anleitung des scheidenden Chefrestaurators Ingo Timm das unter Firnisschichten vergilbte Gemälde wieder aufgefrischt. Pauline hat dabei manche verschwundene Nuance zurückgewonnen.

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