Berlin : Stadtrundfahrt zu David Bowie

Jeden Sonnabend startet die „Fritz Music Tour“ zu Orten der Berliner Musikgeschichte

Judith Jenner

Wenn sich Massen von Touristen durchs Brandenburger Tor schieben, werden sich nur wenige daran erinnern, dass hier nicht nur Welt-, sondern auch Musikgeschichte geschrieben wurde. Michael Jackson zum Beispiel spielte 1988 vor dem Reichstag. 14 Jahre später hielt er sein Baby aus dem Fenster im dritten Stock des Adlon. Am Pariser Platz gab es 1994 die MTV Music Awards mit George Michael, Ace of Base und The Prodigy. „Es war ein eisiger Novembertag, aber das Publikum hielt tapfer durch“, erklärt Thilo Schmied. Zusammen mit dem Radiosender „Fritz“ bietet er eine musikalische Stadtrundfahrt durch Berlin an. Er selber ähnelt der Comicfigur, die das Markenzeichen der zweieinhalbstündigen Tour ist: Kinnbart, weite Hosen und hohe Stirn.

Thilo Schmied hat als Toningenieur jahrelang bei Musikfirmen und in Agenturen gearbeitet. Viele Bands wie Rammstein und Die Ärzte kennt er persönlich. „Ein Jahr lang habe ich Geschichten gesammelt und Interviews mit Zeitzeugen geführt“, sagt der 32-Jährige. Als Co-Kommentatoren sprechen MTV-Moderator Markus Kavka, DJ Westbam oder Depeche-Mode-Produzent Gereth Jones von den Bildschirmen im Bus. Sie erzählen Anekdoten aus den letzten 30 Jahren. Und natürlich gibt es zu jeder Station die passende Musik.

Einer der ersten Stopps ist „The big hall at the wall“. So nannten manche Künstler in den Achtzigerjahren den Meistersaal der Hansa-Tonstudios in der Köthener Straße in Kreuzberg. U2, Depeche Mode, David Bowie und Nina Hagen haben ihre Platten hier aufgenommen. „Die Amis dachten, wir sind hier an der Front“, erzählt Produzent Tom Müller im Begleitfilm. Beim Anblick der Wachtürme duckten sich manche hinters Mischpult. Für Musikinteressierte organisiert Thilo Schmied ebenfalls Führungen durch die Studios – wie am 19. Januar.

Der Bus fährt an den Standorten der großen Technoclubs der neunziger Jahre – Tresor und E-Werk – vorbei, die Leipziger Straße hinunter. Schmied erzählt von den neuen Plänen des Tresor-Chefs Dimitri Hegemann, der im Bewag-Gebäude an der Köpenicker Straße einen neuen Club plant. Schmied hat ihn schon gesehen. „Der helle Wahnsinn.“

Weil ständig Clubs schließen und woanders neue eröffnen, Popstars gerne umziehen und in den letzten Jahren viele Plattenfirmen nach Berlin kamen, gibt es an fast jeder Straßenecke eine Geschichte zu erzählen. Die Buspassagiere erfahren, wo die Stammkneipe von „Wir sind Helden“ ist und dass in dem unscheinbaren Geschäft am S-Bahnhof Yorckstraße die legendäre Risiko Bar der Einstürzenden Neubauten war.

„Berlin Music Guide“ Schmied weiß, wer abends in der Arena, im Knaack-Club oder im SO 36 spielt. Und wer dort vor 20 Jahren die Bühne auseinander nahm. „Als die Dead Kennedys im SO auftraten, war die Oranienstraße zwei Tage gesperrt.“

Im Bus sitzen viele Berliner und Brandenburger, aber auch Touristen interessieren sich für die Tour. Bald soll es sie auch auf Englisch geben. Längst hat Thilo Schmied nicht alle Stationen untergebracht, die ihm eingefallen sind. „Das Programm wird ständig ergänzt“, sagt er. Auch neue Interviews kommen hinzu. Das gefilmte Material ist inzwischen mehr als 20 Stunden lang. „Ausreichend Stoff, um daraus irgendwann einen Dokumentarfilm zu machen“, findet er.

Die „Fritz Music Tour“ startet jeden Sonnabend um 12 Uhr 30 vor dem Adlon. Sie kostet 19 Euro pro Person. Wenn mehr Leute mitfahren, sinkt der Preis. Anmeldung unter 30 87 56 33 oder unter www.musictours-berlin.de ist erforderlich. Die Teilnahme an der Special-Tour in die Hansa-Studios kostet 10 Euro.

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