• Städtepartnerschaft Berlin–Moskau: Schüleraustausch: Finanzierung aus Moskau stockt

Städtepartnerschaft Berlin–Moskau : Schüleraustausch: Finanzierung aus Moskau stockt

Trotz politischer Eiszeit läuft der Austausch mit Moskau – wenn auch mit Hindernissen. In Kürze wird ein Jubiläum gefeiert.

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Die Partnerschaft der Kommunen jährt sich gerade zum 25. Mal.
Die Partnerschaft der Kommunen jährt sich gerade zum 25. Mal.Foto: dpa

Auch wenn die Beziehungen westlicher Regierungen mit Russland derzeit massiv abgekühlt sind – die Städtepartnerschaft Berlin–Moskau lebt! Jedenfalls ein bisschen. Über den Kinderring Berlin e. V. besuchen im August ein Dutzend junge Moskauer ihre Partnerstadt. Anfang September findet dann in Moskau eine Schülerolympiade statt, zu der acht Jugendliche aus Berlin eingeladen sind: An diesem Montag endet die Anmeldefrist für 14- bis 18- Jährige, die in Mathe, Physik, Chemie und IT überdurchschnittlich gut sind (www.austausch.org). Im Herbst soll der Austausch zwischen Jugendkultureinrichtungen beider Städte wieder in Bewegung geraten, eine Delegation von der Moskwa wird an der Spree erwartet. Der Silberjubel könnte also starten, denn die nach der Wende ins Leben gerufene Partnerschaft der Kommunen jährt sich gerade zum 25. Mal. Das ist die gute Nachricht.

Die weniger guten sind auf dem Hintergrund früherer Aktivitäten zu erkennen. Noch im Jahr 2014 gab es zwischen beiden Städten über das Jahr verteilt mehr als 30 Austauschprojekte für Schüler, Touristik-, Tanz-, Theater- und Museumsleute, Stadtplaner, Behinderten-Experten, Verwaltungsfachleute, Abgeordnete, zivilgesellschaftlich Engagierte, Hiphop-Künstler, Sozialarbeiter, Schriftsteller, Sportler, Rock-Musiker, Fotografen, Ärzte, junge Forscher, Russisch- und Deutschlehrer, künstlerisch aktive Kinder, Friseure, Konditoren, Denkmalschützer und Lehrlingsausbilder. Seit 2014, sagt Roman Elsner, Projektleiter bei dem im Senatsauftrag agierenden Verein „Deutsch-Russischer Austausch“ (DRA), stockt vor allem die Finanzierung aus Moskau. Wirtschaftsprobleme, der halbierte Rubelkurs und der Konflikt um die Ostukraine hätten wohl dazu beigetragen. Wo das Geld knapp sei, würden auch in der Verwaltung Stellen gestrichen, dann erscheinen den russischen Behörden andere Aufgaben vordringlicher.

„Wir fahren selber hin und reden mit den Leuten“

„In den ersten Monaten dieses Jahres mussten wir um Unterstützung betteln“, sagt Elsner. Aber vor ein paar Tagen im Mai, bei seiner jüngsten Moskau-Visite, habe er auf höherer Ebene klare Wiederbelebungswünsche vernommen. Die anstehende 25-Jahr-Feier und ein avisierter Besuch des Regierenden Bürgermeisters Müller trügen zum Stimmungswandel bei. Für November plane man ein großes Treffen in Moskau, bei dem Vertreter der Stadtverwaltungen und der Zivilgesellschaft zusammenkommen. Dann sollten die Berlin-Moskau-Communities aus beiden Städten gemeinsame Zielvorstellungen im Blick auf ihre nächsten Jahre formulieren.

Roman Elsner besucht als offizieller Freundschafts-Schmied regelmäßig die Partner im Osten, er klingt aber nicht wie ein Putin-Versteher. Als Berliner mit russischer Mutter, Jahrgang 1977, hat er selbst erfahren, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen und als Kind diskriminiert zu werden. Er studierte Politik, Germanistik, Russistik, war mit dem Goethe-Institut zwei Jahre in Wolgograd und erlebte dort, in der Provinz, den Kulturschock: „Wie sehr Russland anders ist, wo beispielsweise Händeschütteln fast nur unter Männern stattfindet – und wie sehr ich Deutscher bin.“

Seit 2011 treibt Elsner im Senatsauftrag beim 1992 begründeten DRA den Austauschbetrieb voran. Er kennt den formelhaften Überbau des Austauschbetriebs, wo man auf höchster Ebene warme Worte wechselt, Gastgeschenke austauscht, Memoranden verfasst. In Moskau, sagt er, bleibe eine Mail oft eine Woche liegen, dann wandere sie zum Chef, im Nu seien zwei Monate vorbei. So versande zwischen Verwaltungsleuten eine konkrete Anfrage sehr schnell. „Wir fahren selber hin und reden mit den Leuten.“

Besuch in der Waldstadt Wünsdorf
Lenin steht noch in der "verbotenen Stadt": 40 Kilometer südlich von Berlin liegt Wünsdorf, ein Ortsteil von Zossen. Hier war die größte Garnison der Sowjets außerhalb ihrer Grenzen stationiert. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Ruinen-Fotos aus Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: William VederWeitere Bilder anzeigen
1 von 522William Veder
31.05.2016 09:16Lenin steht noch in der "verbotenen Stadt": 40 Kilometer südlich von Berlin liegt Wünsdorf, ein Ortsteil von Zossen. Hier war die...

Elsner schildert, wie stark sich Moskau wandele, was Mode und Technik im Alltag, aber auch Stadtentwicklung, zum Beispiel den Bau von Radwegen für 20000 Drahtesel betrifft. Er glaubt an die Chancen des Austauschs, wo Jugendliche Botschafter ihres Landes werden, wo sie mehr von der Welt sehen und ihre Scheuklappen verlieren. Die russische Paranoia gegenüber den USA, aufgrund derer alles, was schiefläuft, dem Westen angelastet wird, benennt er klar; dem Staat fehle „eine Zukunftsvision, deswegen klammert man sich immer mehr an die Weltkriegsgeschichten“. Sobald russische Jugendliche dann nach Deutschland kämen, seien sie mit einer postheroischen Gesellschaft konfrontiert. Hier bei uns allerdings, meint der 39jährige, werde Kreml- und Russlandkritik oft verwechselt, und er zitiert ein Sprichwort: „In Russland kann sich während eines Jahres alles ändern und in 100 Jahren gar nichts.“ Über seine Berliner Geldgeber klagt der DRA-Mann nicht, von der Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft erhalte man „große Unterstützung“.

Dass der Austausch-Pingpong zwischen hüben und drüben allem Engagement zum Trotz dramatisch nachgelassen hat, war kürzlich auch einem Antrag zu entnehmen, den die Koalition dem Abgeordnetenhaus vorlegte: Das Jubiläum solle man „für einen neuen gemeinsamen Impuls“ nutzen, damit „Kommunikationsdefizite verringert werden“, forderten die Parlamentarier.

Internationale Beziehungen seien stark eingeschränkt

Der Dialog habe „seit dem Bürgermeisterwechsel in Moskau im Jahre 2010 deutlich an Intensität eingebüßt“, gemeinsame Ausschüsse und gegenseitige Besuche seien ausgefallen. Trotz der „schwierigen Ausgangslage“ erstrebe man nun, „eine deutlich größere Anzahl an Personen aus allen Lebensbereichen“ in den Austausch einzubinden, auch die in Berlin lebenden Russen.

Der Pankower Abgeordnete Alex Lubawinski ist zufrieden, dass dieser Antrag das Parlament einvernehmlich passiert hat, er differenziert die Stimmungsebenen: Parallel zur Kontra-Putin-Stimmung bedauerten die Leute gerade auf kommunaler Ebene immer wieder, dass die Gespräche „eingeschlafen“ seien. Von dem Antrag verspreche er sich eine ermunternde Wirkung auf den Senat, der nun zeigen müsse, dass er aktiv werde, und Signale an Vertreter der Russischen Föderation, „die das mit Sicherheit wahrnehmen“.

Es gebe in Moskau starkes Interesse auf mittlerer und oberer Ebene, auch wenn derzeit die internationalen Beziehungen stark eingeschränkt seien. Gerade auf dem Feld der Stadtentwicklung wolle man zusammenarbeiten. Moskau plane, durch Gebietsankäufe seine Stadtfläche zu verdoppeln, und wünsche sich zur Gestaltung dieser ungeheuren Aufgabe Kooperation und Beratung aus Berlin. Austausch sei erwünscht. „Geld ist ganz offensichtlich nicht das Problem.“

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