Städtevergleich : Berlin – ein schwerer Fall

Mit 82,4 Billionen Tonnen wiegt die Hauptstadt weit mehr als alle anderen deutschen Metropolen.

Stefan Jacobs

Es gibt Dinge, die legt man besser nicht auf die Goldwaage. Die Frage nach dem Sinn mancher Städtevergleiche beispielsweise. Oder die Städte selbst. Berlin zum Beispiel ist mit 82 400 000 000 000 Tonnen auch viel zu schwer. Wissenschaftler des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ) haben dieses Gewicht ermittelt, mit dem die Hauptstadt alle anderen deutschen Großstädte klar übertrifft. Das zweitplatzierte Hamburg beispielsweise ist mit 57 Billionen Tonnen mehr als 30 Prozent leichter, obwohl seine Fläche nur 15 Prozent kleiner ist als die von Berlin.

Auf den ersten Blick mag das überraschen, zumal in Hamburg schwere Backsteinfassaden und dicke Autos dominieren und Nebel oft zusätzlich auf Stadt und Gemüt drückt. Die wahre Ursache aber liegt unter der Erde, wie Jürgen Kusche vom GFZ erklärt: Die Erdkruste, also die äußere Hülle unseres Planeten, ist nicht überall gleich dick. In Europa reicht sie zwischen 20 und 40 Kilometer unter die Oberfläche. Dann folgt die „Moho“ genannte Übergangszone zum Erdmantel, die nach Auskunft von Kusche recht klar begrenzt ist. Die Wissenschaftler erzeugten also Wellen, die sich beim Auftreffen auf die Grenze zum Erdmantel deutlich veränderten. Daran, wie lange die Wellen unterwegs waren, ließ sich die Dicke der Erdkruste ermitteln – nach einem ähnlichen Prinzip, das bei Radar und Echolot seit Jahrzehnten erprobt ist. Ergebnis: Die Berliner Kruste ist 33 Kilometer dick, die Hamburger nur 27. Weil Berlin außerdem auf relativ schwerem, eisenhaltigen Gestein steht, wird der Gewichtsunterschied noch größer.

Die Arbeit der Potsdamer Wissenschaftler ist vor allem wegen der eingespeisten Datenmenge präziser als alle bisherigen „Wiegeversuche“. Das Wissenschaftsmagazin „P.M.“ zitiert den – gestern nicht erreichbaren – Studienleiter Onno Oncken mit der Bemerkung: „Vorher wussten wir gerade mal bis zur Graswurzel Bescheid.“ Und sein Kollege stellt klar, dass das Gewicht der Bauwerke in der Stadt bei der Untersuchung getrost vernachlässigt werden könne. Selbst die Cheops-Pyramide – um ein Beispiel vergleichsweise massiver Architektur zu nehmen – dürfte weniger als zehn Millionen Tonnen wiegen. Der Betonschaft des Berliner Fernsehturms bringt es laut „Wikipedia“ auf gerade 26 000 Tonnen, und für die 3,4 Millionen Berliner hat die „Bild“-Zeitung gerade ein Gesamtgewicht von 250 000 Tonnen ermittelt. Zivilisatorisch bedingte Störfaktoren wie dicke Kinder verfälschen die Rechnung also kaum.

Drittschwerste Stadt ist übrigens Köln, dicht gefolgt vom immerhin 27,5 Billionen Tonnen schweren Dresden. München, das fast die dreifache Einwohnerzahl hat, folgt erst auf dem fünften Platz – und ist damit pro Person sogar die leichteste Stadt. Kein Wunder, dass beim Oktoberfest der Boden bebt. Stefan Jacobs

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