Start ins neue Schuljahr : Berlin lebt vom Lehrer-Zuzug

Jeder dritte neue Pädagoge kommt aus anderen Bundesländern. Scheeres bestätigt Personalratszahlen zur hohen Quote an Quereinsteigern.

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Tafelbild. Damit die Basis stimmt, brauchen auch Grundschulkinder professionellen Unterricht. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Tafelbild. Damit die Basis stimmt, brauchen auch Grundschulkinder professionellen Unterricht.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist die wichtigste Zahl des neuen Schuljahres, aber in der 16-seitigen Pressemitteilung kam sie nicht vor: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wollte am Donnerstag offenbar lieber über den Schulbau berichten – drei Seiten – oder über andere Positivnachrichten – neun Seiten –, aber nicht so gern über die hohe Quote an Quereinsteigern.

Mündlich kam sie dann aber nicht daran vorbei: Die Senatorin bestätigte die Angaben des Gesamtpersonalrates, wonach 53 Prozent der rund 1000 neuen Grundschullehrer keine gelernten Lehrer sind. Über alle Schularten hinweg sind es 41 Prozent, der Tagesspiegel berichtete.

Dabei verwies Scheeres aber auf „andere Bundesländer“, die es noch nicht einmal mit Quereinsteigern geschafft hätten, alle freien Stellen zu besetzen. Berlin hingegen habe genau dies bewältigt, wobei 35 Prozent aller neuen Kräfte aus anderen Bundesländern gekommen seien. Ihr Haus sei damit beschäftigt, weitere Möglichkeiten zu suchen, mehr Nachwuchskräfte für den Beruf zu werben. Es werde auch entsprechende Kampagnen geben und einen „Zukunftscampus“ mit den Universitäten.

Kritik von allen Seiten

Angesichts des Personalmangels machte sich Landeselternsprecher Norman Heise am Donnerstag für eine wissenschaftliche Evaluierung des Unterrichts von Quereinsteigern stark. Die GEW forderte, dass alle und nicht nur die frisch ausgebildeten Grundschullehrer „zügig“ in den Genuss der Höherbesoldung kommen sollten, um mehr Lehrer „nach Berlin zu locken“. Florian Bublys von der Lehrerinitiative „Bildet Berlin!“ fragte vor dem Hintergrund der hohen Quereinsteigerquote, ob Scheeres „noch zu halten ist“. Ähnlich wie zuvor der Lehrer des Jahres Robert Rauh warnte Bublys, dass der Lehrerberuf eine „in diesem Ausmaß noch nie da gewesene Entqualifizierung“ erfahre.

Das kommt im nächsten Schuljahr

Jenseits der Personalproblematik gab Scheeres aber auch einen Überblick über weitere Entwicklungen im Schuljahr 2017/18.

Die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden und Berufsschulen ist erneut gestiegen, und zwar um 6700 auf insgesamt 441 330. Daher und wegen der vielen Pensionierungen waren rund 2000 Neueinstellungen notwendig. Die Zahl der Erstklässler liegt mit 31 880 nur minimal unter dem Vorjahresniveau, obwohl wegen der späteren Schulpflicht eigentlich ein Vierteljahrgang wegfällt. Wie viele potenzielle Schulanfänger auf Antrag der Eltern von der Schulpflicht zurückgestellt wurden, wird erst im Oktober bekannt gegeben. Um die 2000 könnten es nach Schätzungen sein.

Mehr Schulbau

Wegen des Mangels an Schulplätzen entstehen in diesem Schuljahr in sieben Bezirken Modulare Ergänzungsbauten (MEB), darunter allein fünf im kinderreichen Pankow. Elternvertreter und Grüne sehen die MEB wegen ihrer genormten Architektur kritisch. 2018/19 entstehen weitere 21, davon vier in Pankow und sechs in Lichtenberg. Landeselternsprecher Heise erneuerte seine Forderung, die MEB umzuplanen und keine reinen „Flurschulen“ zu errichten. MEB werden seit 2014 gebaut und sollen insgesamt 15 000 zusätzliche Plätze schaffen.

Insgesamt stehen 2017 etwa 830 Millionen Euro für die „Berliner Schulbauoffensive“ zur Verfügung. Damit die Schulen erfahren, welche Bau- und Sanierungsmaßnahmen wann geplant sind, kündigte Scheeres eine Art „Steckbrief“ für jede Schule mit allen wichtigen Angaben an.

Mehr Geld

Um nicht für jede Kleinigkeit „monatelang Anträge zu stellen“, wie Scheeres sich ausdrückte, bekommt jede Schule 10 000 bis 25 000 Euro für den baulichen Unterhalt aufs Schulkonto. Das sind 5000 Euro mehr als bisher. Das ist kein zusätzliches Geld, aber immerhin ist es direkt verfügbar, weshalb dieses Budget auch „Verfügungsfonds“ genannt wird.

Mehr Inklusion

Beim gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung geht es voran: Der Anteil der Inklusionskinder steigt von knapp 65 auf 70 Prozent. Für die speziellen Förderbedarfe kommen fünf Schwerpunktschulen hinzu, darunter die Temple-Grandin- und Paul-Löbe-Schule für Autismus und die Heide-Schule für Hören und Kommunikation.

Mehr Sprachen

Rot-Rot-Grün will die Mehrsprachigkeit ausbauen. Im Vorfeld gab es eine „Sprachenabfrage“ an allen Schulen, die jetzt ausgewertet wird. Davon ausgehend soll an den einzelnen Schulen die Grundlage geschaffen werden, herkunftssprachliche Angebote – etwa für Arabisch, Türkisch oder Vietnamesisch – einzurichten.

Mehr Leistungskurse

Wie angekündigt werden die Oberstufenschüler künftig freiwillig drei statt zwei Leistungskurse wählen können. Zudem wird der neue Rahmenplan für die Klassen 1 bis 9 „unterrichtswirksam“. Neu ist auch, dass bei schriftlichen Lernerfolgskontrollen bereits ab Klasse 4 eine einheitliche Bewertungsskala gelten soll, um – beim Übergang in die Oberschule – die Benachteiligung von Kindern durch „unterschiedliche Maßstäbe“ zu verhindern.

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