Berlin : Statt Milch fließt nun Geld nach Berlin

Lange waren Berlins Stadtgüter ein Verlustbringer Nach der Sanierung werden sie jetzt verkauft

Ralf Schönball

Jährlich 21 Millionen Liter Milch, 5300 Rinder, drei Bullen, sechs Güter und 17 000 Hektar – einer der größten Bauern und Grundbesitzer Brandenburgs ist das Land Berlin. Die sogenannten Stadtgüter haben eine Fläche, die so groß ist wie die Stadtteile Köpenick und Treptow zusammen. Doch am 1. Juli ist dieses Kapitel beendet: Dann werden Vieh und Höfe verkauft. Nur die verpachteten Flächen bleiben in Landesbesitz.

Noch bedarf der Verkauf zwar der Zustimmung des Berliner Abgeordnetenhauses. Die Politiker dürften aber angesichts eines Erlöses von rund 20 Millionen Euro wenig gegen die Veräußerung der „Nordgüter“ einwenden. Zumal der erste Versuch vor einigen Jahren, die früher verlustträchtigen landwirtschaftlichen Betriebe samt Grundstücken zu verkaufen, an dem Angebot in Höhe von 6,5 Millionen Euro scheiterte. Nun fließt nicht nur wesentlich mehr Geld, sondern alle Grundstücke bleiben auch Eigentum des Landes, das auch künftig von deren Vermarktung profitieren wird.

„Mit dem Verkauf der Güter geht ein Stück Geschichte zu Ende, weil wir die Landwirtschaft ganz aufgeben“, sagt Peter Hecktor. Darüber ist der Geschäftsführer der Berliner Stadtgutliegenschafts Management GmbH (BSMG) wenig erfreut. Zumal er seinen Mitarbeitern in den vergangenen Jahren fast nur schlechte Nachrichten überbringen konnte: Weil der Betrieb rote Zahlen schrieb, mussten 55 Angestellte gehen. Sobald der Gremienvorbehalt zum Verkauf weggefallen ist, wird weiteren 11 Mitarbeitern der „Hauptverwaltung“ betriebsbedingt gekündigt und die Betriebsgesellschaft komplett geschlossen. Kleiner Trost: 76 Mitarbeiter behalten ihre Stellen unter den neuen Gutsherren. Die Übergabe der Güter Joachimshof, Albertshof, Schönerlinde, Birkholz, Wandsdorf und Lanke ist für den 1. Juli geplant. Da nach der Privatisierung der landeseigenen Milchproduktion die verpachteten Liegenschaften Eigentum der Grundstücksgesellschaft bleiben, sind die Arbeitsplätze von Hecktor und seinen 35 Kollegen vorerst sicher.

Mit der Verwaltung der 17 000 größtenteils verpachteten Hektar Land haben sie reichlich zu tun. Sorgen bereiten vor allem die gewaltigen Altlasten: Etwa ein Drittel dieser Flächen sind ehemalige Rieselfelder. Dort versickerte seit dem 18. Jahrhundert Berliner Abwasser, giftige Industriehinterlassenschaften inbegriffen. Seit 1990 werden die Flächen so zwar nicht mehr genutzt. Doch die Felder müssen nun bepflanzt und mit Kalk bearbeitet werden, damit die Gifte nicht ins Grundwasser oder in die Luft gelangen. Eine endgültige Sanierung ist Experten zufolge nicht zu bezahlen.

Die Bewirtschaftung der Altlasten finanziert die Grundstücksgesellschaft aus mehreren Quellen: Ein belastetes Grundstück wird an den Betreiber einer Windmühle verpachtet. Auf 140 Hektar früherer Stadtgüter-Flächen entsteht die Landebahn des geplanten neuen Flughafens Schönefeld. Angeboten werden auch Ersatz- und Ausgleichsflächen: für Baukonzerne oder für das Land Berlin. Diesem wurden 250 Hektar zur Begrünung bereitgestellt, damit erfüllt das Land die ökologischen Auflagen, die als Gegenleistungen für die Versiegelung von Flächen beim Flughafenbau dienen. Und bei Großbeeren entsteht auf Grundstücken der Stadtgüter die vom Land Berlin geplante Haftanstalt JVA Heidering.

Unterm Strich sind diese Geschäfte auch einträglich: In den vergangenen zwei Jahren wurde ein Gewinn von jeweils zwei Millionen Euro erwirtschaftet. Auch in den kommenden Jahren rechnet Güter-Chef Hecktor mit Gewinnen.

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