Berlin : Statthaus Böcklerpark: Basare gegen den Besucherschwund

Katharina Körting

"Wir sind ein Auslaufmodell", sagt einer von sieben Mitarbeitern des Statthauses Böcklerpark, des soziokulturellen Jugend-, Kultur- und Nachbarschaftszentrums in der Prinzenstraße 1. Er klingt resigniert. Seinen Namen will er nicht nennen, weil es "problematisch" sei zurzeit. Er wolle keine "Strafaktionen" provozieren, bei denen der ohnehin nur noch tröpfelnde Geldhahn weiter zugedreht würde. Das vor 18 Jahren mitten in der alternativen Aufbruchsstimmung der 80er Jahre gegründete Statthaus hat seit dem Fall der Mauer arg zu kämpfen. "Zu West-Berliner Zeiten ging es uns verdammt gut", sagt der Mann, der seit Anfang an dabei war. Jetzt fürchtet er, dass das Haus ein Opfer der Bezirksfusion wird. Cornelia Reinauer (PDS), die künftige Jugendtstadträtin, sieht indes keinen Grund zur Sorge.

Im Sommer 1982 wurde das "Haus der Jugend", ein Bau aus den 50er Jahren mit rund 1500 Quadratmetern Innenfläche und 7000 Quadratmetern Freigelände, umgewandelt in ein Nachbarschaftsheim. Es liegt reizvoll mitten Park am Landwehrkanal. Damals ging es dem Kulturpädagogen und seinen Mitstreitern darum, gegen den piefigen sozialpädagogischen Ansatz etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, frei nach dem Motto: "Hilf dir selbst, sonst hilft dir ein Sozialarbeiter". Sieben Vereine haben einen Generationen übergreifenden Treffpunkt geschaffen, offen für Kinder und Erwachsene, einen Raum für selbst organisierte Partys, für Kunst und Kultur von unten, mit Kursangeboten aus Theater, Tanz, Computer und Sport - ein Gemischtwarenladen, der über Jahre gut funktioniert hat. Die Finanzierung übernahmen die Jugendförderung des Bezirks und die Vereine. Einen Teil des Gebäudes hat ein Montessori-Kindergarten gemietet, einen anderen ein Jugendzentrum, draußen unterhält der Kleintierzüchterverein einen Streichelzoo, Langzeitarbeitslose harken auch bei windigem Wetter stoisch das Laub vor der Tür. Doch die Idylle trügt.

Von der Fassade blättert der Putz. Für die Instandhaltung ist kein Geld mehr da, die Vereine tragen mittlerweile die Hälfte der Kosten des Statthauses, es reicht hinten und vorne nicht. Darüber hinaus läuft dem Statthaus seit der Wende die Klientel weg. Die Kultur- und Künstlerszene in Kreuzberg, dem einstigen West-Berliner Rand- und heutigen Großberliner Innenstadtbezirk, sieht sich in den Schatten gestellt von Mitte und Prenzlauer Berg. "Keiner weiß, wie es weitergehen soll", sagt der Kulturpädagoge.

Dabei haben sich die Statthäusler, die wie in alten Zeiten alle sechs Wochen Plenum haben und sich als Basisdemokraten verstehen, schon Zähne knirschend an die neuen Verhältnisse angepasst. Die unbezahlbar gewordenen Kunstavantgarde-, Literatur- und Experimentaltanznächte wurden mittlerweile durch Basare, Märkte für Comics, CDs und Kinderkleidung ersetzt, um Publikum anzulocken. Dadurch konnte die jährliche Besucherzahl bei 120 000 gehalten werden.

Die seit 13 Jahren bestehende jährliche Off-Kunstausstellung hat bisher überlebt. Am Freitag ist der "Querschnitt 13" mit einem großen Fest eröffnet worden. Bis zum 19. November zeigen 45 Kreuzberger und Friedrichshainer Künstler 300 Bilder und Skulpturen. Jedes angebotene Werk wird ausgestellt. Zensur findet ebensowenig statt wie Qualitätskontrolle, betont Mitorganisatorin Tissi König - ein Querschnitt eben, bei dem die Hausfrau ihre Topflappenkreationen genauso präsentiert wie der HdK-Absolvent seine Öl-auf-Leinwand-Abstraktionen.

Doch auch dieses Projekt ist gefährdet. Es gibt keine ABM-Stellen mehr. Die regelmäßigen Kurse für Siebdruck, Töpfern und Bildhauern, die noch vor einigen Jahren angeboten wurden, sind wegen Geldmangels gestrichen. "Wir wollen den Querschnitt am Leben halten", meint Friederike Büchner von "Querformat". Also putzt sie selbst die Fußleisten, fegt die Spinnweben weg und begnügt sich mit 1000 Mark Honorar für die wochenlange Vorbereitungsarbeit.

Aber dem von der Studentenbewegung geprägten Mitgründer des Statthauses passt die Richtung nicht, die er mitzugehen gezwungen ist. "Niemand hat mehr Ideale", klagt er die Jugend an, "es geht nur noch ums Geldverdienen und um ein schönes Leben." Die Vision fehlt. Auch ihm, dem Alt-68er, ist sie nach 18 Jahren Selbstausbeutung abhanden gekommen. Er überlegt auszusteigen: "Unser Ansatz passt nicht ins neue Jahrtausend."

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