Berlin : Steglitz lässt stolpern

Ab heute werden im Bezirk 30 glänzende Gedenksteine mit den Namen ermordeter Juden verlegt

Judith Jenner

Niemand weiß etwas über das jüdische Ehepaar Goldstein, das einst in der Lichterfelder Stadtvilla in der Kyllmannstraße 22 lebte. Arthur und Rosa, geborene Fuchs, wurden am 28. März 1942 nach Trawniki in Polen deportiert und in Piaski ermordet. Daran werden ab heute, 16 Uhr 30, zwei Stolpersteine vor dem Haus in Lichterfelde-West erinnern.

Um die glänzenden Messingplatten zu verlegen kommt der Kölner Künstler Gunter Demnig nach Berlin. Es sind die ersten von 30 Gedenksteinen, die in Lichterfelde bald an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern werden. Die Evangelische Johannes-Gemeinde finanziert die Aktion aus Spenden. Abgesehen von einem Stein vor der Fichtenberg-Schule sind dies die ersten im Bezirk Steglitz.

Vor einem Jahr hat die Gemeinde einen Spendenaufruf gestartet. „Das Geld für die Steine kam schnell zusammen“, sagt die Kirchenratsvorsitzende Hildegard Frisius. Länger dauerten da schon die Verhandlungen mit dem Tiefbauamt, das von der Gemeinde verlangte, für mögliche Schäden aufzukommen. Inzwischen hat man sich geeinigt, dass der Bezirk die Haftung bei möglichen Unfällen übernimmt.

Gemeinsam mit Historikern haben die Gemeindemitglieder die Adressen 30 deportierter Juden recherchiert. Dabei nahmen sie die Steglitzer Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz und das Gedenkbuch in der Synagoge in der Fasanenstraße zur Hilfe. „Man schätzt, dass etwa 3500 Juden aus Steglitz deportiert wurden“, sagt Hildegard Frisius. Weitere Steine sollen in den nächsten Monaten verlegt werden. Momentan holt Hildegard Frisius das Einverständnis der Hausbesitzer ein. „Wir wollen mit der Aktion ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte beleuchten, denn damals hat sich die Gemeinde nicht vor ihre jüdischen Nachbarn gestellt“, sagt Frau Frisius. Die Johannes-Gemeinde will die Biografien der Juden in Lichterfelde näher erforschen und in einer Ausstellung zusammentragen. Dann wird man möglicherweise auch bald mehr wissen über das deportierte Ehepaar Goldstein aus der Kyllmannstraße 22.

Künstler Gunter Demnig wird seinen kurzen Berlin-Besuch dazu nutzen, das neue Holocaust-Mahnmal zu besuchen. „Am liebsten früh morgens ohne die Touristenmassen“, sagt er. Nach allem, was er bislang gehört und gelesen hat, gefällt es ihm nicht so gut. „Es kann die Anonymität der Opfer nicht aufheben“, sagt Demnig. Genau das versuche er mit den Stolpersteinen. Sie werden nicht nur für jüdische Deutsche, sondern auch für Homosexuelle, Sinti und Roma und andere Verfolgte verlegt. „Die Opfer sollen dort, wo sie gelebt haben symbolisch ihre Namen wiederbekommen.“ Der Zuspruch von Überlebenden und Angehörigen der Opfer bestärken ihn in seiner Arbeit.

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