Berlin : Steinbruch statt Wasserspiel

Der Kreuzberger Pamukkale-Brunnen liegt seit fast zehn Jahren trocken. Jetzt geht der Streit vors Berliner Kammergericht

Christoph Stollowsky

Die beste Sicht auf das Kreuzberger Trauerspiel hat man von der gegenüberliegenden Café-Terrasse aus. Die Gäste sitzen in Liegestühlen und schauen direkt auf die monumentale Brunnenanlage im Görlitzer Park. Einst sprudelte hier für kurze Zeit Wasser, das war im Sommer 1998. Dann bekamen die Becken des Pamukkale-Brunnens im folgenden Winter Risse. Seither tobt ein gerichtlicher Streit um die Frage, wer den Schaden ersetzen muss – während die einst stolzen Wasserspiele verfallen. Eigentlich könnten die Kreuzberger 2008 das erste runde Brunnen-Jubiläum feiern, stattdessen gehört die Anlage zu Berlins ewigen Bauruinen. Am Dienstag geht das zähe juristische Ringen zwischen dem Bezirk und Bildhauer Wigand Witting, dem Schöpfer des Brunnens, in die nächste Runde: Verhandelt wird vor dem Kammergericht.

Dass Kreuzberg ein solches Brunnen-Debakel erleben würde, hätte beim Einweihungsfest mit Tanz und Musik niemand für möglich gehalten. Den berühmten türkischen Kalksteinterrassen bei Pamukkale nachempfunden, geschmückt mit Tempeln und Figuren, wirkte die teils begehbare Anlage wie ein antikes Amphitheater. „Harmonisch fügt sie sich in den Hang hinter dem Spreewaldbad ein“, lobten Stadtplaner. Rötlich leuchtete der extra aus Portugal herangeschaffte eisenoxidhaltige Kalksandstein in der Sonne. Und schnell entwickelte sich der Brunnen am Tor des im Kiez liebevoll „Görli“ genannten Parks zum Treffpunkt. Außerdem fühlten sich viele Türken geschmeichelt. Schließlich hatte man Pamukkale als Vorbild gewählt, um das multikulturelle Zusammenleben zu symbolisieren.

Doch die Freude währte nur kurz. Im folgenden Frühjahr war der Brunnen kaputt. In den Steinen der Wasserbecken entdeckte man überall Risse. Seither ist die Anlage zum großen Teil mit Gittern abgesperrt, der Boden ist mit Scherben und Schutt übersät, Figuren sind beschmiert. „Das sieht aus wie ein verkommener Steinbruch“, sagt Fred Jacob, der Kellner vom gegenüberliegenden Szene-Café „Edelweiß“. Manche jungen Leute fänden den morbiden Anblick ja schick. Aber die meisten Gäste fragen ihn, warum denn da drüben „nicht endlich was passiert“.

Der Bezirk will den Brunnen erst wieder instandsetzen, wenn ihm eine Million Euro Schadenersatz zugesprochen werden. Aus seiner Sicht trägt Bildhauer Witting die Schuld, weil er die falschen Steine ausgewählt habe. Die porösen Quader hätten sich mit Wasser vollgesogen und würden bei Frost regelrecht gesprengt. Witting kontert, entstanden seien die Risse durch Pfusch bei der Montage der Steine. Die Architekten hätten keine Drainage zum Wasserabfluss vorgesehen.

Gutachten stützten beide Positionen, schließlich bestätigte eine dritte Expertise der Technischen Universität (TU) die Sicht des Bezirkes, weshalb das Landgericht den Künstler 2004 zum Schadenersatz verurteilte. Witting legte Berufung ein, deshalb wird der schier endlose Streit nun vor dem Kammergericht fortgesetzt.

Unterdessen will eine Anwohner-Initiative nicht mehr die Urteile abwarten, sondern schon vorher den Brunnen „durch Spendenaktionen und Events“ wieder zum Sprudeln bringen. Was möglich ist, haben Künstler bereits gezeigt. Es gab Filmfestivals vor der Pamukkale-Kulisse – und 2000 wurde sogar die Monteverdi-Oper „Die Heimkehr des Odysseus“ aufgeführt. Das Wasser für Oysseus kam aus Feuerwehrschläuchen.

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