Berlin : Stella

Frank Jansen

Ein Bummel durch Prenzlauer Berg erfordert in manchen Straßen akrobatisches Geschick. Die Trottoirs sind schon bei den ersten Sonnenstrahlen voll gestopft mit fröhlich trinkenden Menschen. Die oft in extra tiefen Sofas und anderen exotischen Sitzmöbeln beinahe liegend alles konsumieren, was die Szene-Gastronomie bietet: Von Flaschenbier über schrillbunte Cocktails bis zur Wasserpfeife, in der sich Kirschtabak verflüchtigt. Die Namen der Lokale künden von Sehnsucht nach der weiten Welt jenseits von Berg und Prenzlau. Ein Schild irritiert allerdings: „Abu Jack“ heißt die Bar. Hat sich hier ein Al-Qaida-Veteran aus den USA, Großbritannien oder vielleicht sogar Australien zur Ruhe gesetzt? Das Lokal wirkte enorm verdächtig – es war so bunt wie alle anderen. Die ideale Tarnung. Da drinking man und compañera schon beim leisesten Osama-Verdacht keinen einzigen Cent mehr herausrücken, gingen sie weiter. Und landeten am Helmholtzplatz im Stella.

Das Ecklokal entspricht der in Prenzlauer Berg üblichen Amüsiernorm. Langer Tresen, Schwarzpolsterbänke mit hohen Lehnen, quadratische Holztische. Die Wände sind mit breiten roten und weißgelben Streifen bemalt. Vor dem Stella überwölben ausladende Markisen lange Biergartenbänke und -tische. Der Abend war mild, viel junges Volk flanierte herum, die Lokale waren draußen voll. Am Stella schafften es drei Grunge-Typen, rings um ihren Tisch eine etwas andere Partystimmung herbeizufeixen. Als einer zum Nebentisch mit zwei jungen Engländerinnen ging und beim Hinsetzen die schlabbrige Hose eine Hand breit Steiß freigab, schlich sich einer der Kumpanen von hinten an. Und zückte sein Fotohandy. Ratsch – ein Arbeiterdekolleté, wie in Proletarierdeutsch ein offenherziger Gesäßansatz heißt, war abgelichtet. Großes Gelächter. Ein Touch Ballermann am Helmholtzplatz. Einen Tisch weiter diskutierten zwei Mittdreißiger-Paare inbrünstig das Kinderkriegen. Zwischen den Weingläsern knisterte ein Babyphon.

Die nette Servierdame brachte drinking man und compañera einen Mai Tai, der zu den stärksten der Stadt gezählt werden muss, und einen passablen Hurricane. Später folgte ein Virgin Mojito, der als Durstlöscher dringend nötig erschien – die vom drinking couple georderten Nachos con queso waren, wie die compañera ortstypisch zu formulieren meinte, „furzdröge“. Trotzdem ein ganz netter Abend. Man muss halt Kiezrummel mögen. Mit Ballermännchen und Babyphon.

Stella, Lychener Straße 46, Prenzlauer Berg, Tel.: 43 72 06 26, täglich ab 10 Uhr

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Pssst: Die Victoria Bar in der Potsdamer Straße, schräg gegenüber vom Tagesspiegel, hat sich eine kleine Küche zugelegt. Dort bereitet nun Manfred von Wackenitz Sandwiches, Salate und, bei größerem Appetit, auch ein Rindersteak zu. Der Küchenchef war früher bei Bocuse, Witzigmann und Rockendorf tätig und lässt sich jetzt auf eine der besten Berliner Bars ein – die aber auf gar keinen Fall, darauf legt Chefkeeper Stefan Weber großen Wert, in ein Restaurant verwandelt wird. Die kleine Küche, in der von Wackenitz nun regiert, war übrigens früher ein Currywurst-Imbiss. Nach dessen Pleite übernahm die Victoria Bar den Raum und rüstete auf. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Zigarren-Salon.

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