Berlin : Stille Freude

Katholiken gratulieren dem Papst. Ein Liberaler wäre vielen lieber gewesen

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Der Papst ist gewählt, doch der Jubel in Berlin hält sich in Grenzen. In der zentralen Kirche des Erzbistums, der St.Hedwigs-Kathedrale, sitzen nur vereinzelt Menschen und lauschen der Orgelmusik. Corinna Schwarz, eine junge Katholikin aus Potsdam, ist „erleichtert“, dass Kardinal Ratzinger neuer Papst geworden ist. Er sei eine „starke Persönlichkeit“ und verkörpere die kulturellen Werte Europas, sagt sie. Im Erzbistum selbst wartet man auf eine Botschaft von Kardinal Sterzinsky, der am Konklave teilgenommen hat und noch in Rom ist. „Ein bisschen stolz darf man schon sein, dass es ein Deutscher geworden ist“, sagt Bistumssprecher Stefan Förner. Sterzinsky und Ratzinger verbinde zwar „keine enge Freundschaft“, aber eine „kollegiale Verbundenheit“.

Moralische Unterstützung für seine angeschlagene Position als Erzbischof kann Sterzinsky vom neuen Papst allerdings kaum erwarten. Einen Anlass für einen Papst-Besuch in Berlin gebe es in absehbarer Zeit nicht, sagt Förner.

Ernst Pulsfort, Leiter der Katholischen Akademie, ist auch nicht in Jubel ausgebrochen. Das Wahlergebnis habe eher ein „künstliches Lächeln“ ausgelöst. „Ich habe auf einen liberaleren Papst gehofft“, sagt er ganz offen. Nach einigem Nachdenken entdeckte Pulsfort aber auch die guten Seiten der Wahl von Benedikt XVI. „Papst Johannes PaulII. hat die Kirche aufgewertet, eine große Begeisterung entfacht – mit dem neuen Papst lebt dieses Erbe weiter.“

Viele Beobachter aus der katholischen Kirche wollen Kardinal Ratzinger erst einmal „eine Chance“ geben, bevor sie seine konservative Grundhaltung kritisieren. „Bei den Jugendlichen steht der Papst ohnehin nicht auf der Tagesordnung“, sagt Claudia Unger, die Berliner Vorsitzende des Bundes der katholischen Jugend. Trotz des großen Medienrummels um das Sterben des alten Papstes und die Wahl des neuen „rennen die Jugendlichen nicht in die Kirchen“. Sie fordert mehr innerkirchliche Demokratie und eine andere Einstellung des Papstes zur Rolle von Frauen und Homosexuellen. Der Diözesanratsvorsitzende Hans-Jürgen von Schewick würde sich vom neuen Papst wünschen, dass er den Ortsbistümern mehr Freiheiten einräumt. Doch dafür stehe der Name Ratzinger eher nicht.

Die Berliner CDU freut sich geradezu überschwänglich über Papst Benedikt XVI. Seine Wahl bedeute „eine unendliche Freunde für alle Deutschen, für alle Gläubigen der gesamten Welt“, erklärte der Fraktionsvorsitzende Nicolas Zimmer. Die Christdemokraten fühlen sich durch die Wahl Ratzingers bestärkt – auch in der Diskussion um einen verbindlichen Werteunterricht an Berliner Schulen. Die Menschen würden sich nun mehr mit Fragen der Religion auseinander setzen, sagt die CDU-Bildungsexpertin Katrin Schultze-Berndt. Und die SPD könnte möglicherweise stärker unter Druck geraten, dem Religionsunterricht an Schulen mehr Gewicht einzuräumen.

Die SPD-Bildungsexpertin Siglinde Schaub weist das allerdings zurück. Die Papst-Wahl habe mit dem Berliner Streit um einen Werteunterricht nun wirklich nichts zu tun. Ähnlich äußerte sich gestern die PDS. Thomas Loy

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