Berlin : Stille Genießer

Seit 50 Jahren werden Lotto-Millionäre gemacht. Zwei Berliner haben untersucht, was der Geldsegen aus ihnen macht

Werner van Bebber

Einer hat nicht mal seiner Partnerin vom Millionengewinn erzählt. Ein anderer verschwieg sein Lottoglück dem Kind. Wieder ein anderer ließ die ganze Stadt vom neuen Reichtum wissen. Heute ist er sein Geld los. Christoph Lau, einer von zwei Berliner Autoren der Studie „Die Relativitätstheorie des Glücks“ sagt über den Millionär, der nichts mehr hat: Von den Gewinnern, mit deren Schicksalen er sich befasste, sei der Verlierer des Lottogewinns wohl „der Glücklichste von allen“. Heute sei der Mann „der berühmteste ALG-2-Empfänger seiner Stadt“.

Lau und Kramer wollten herausfinden, was das Glück im Spiel mit den Gewinnern macht. Ihre Studie passt zum 50. Lotto-Geburtstag, der an diesem Sonnabend mit einer Fernsehgala gefeiert wird. Die Studie hat drei Ergebnisse: Erstens sind Lotto-Gewinner kaum ausfindig zu machen. Zweitens ist das Lottospielen kein Weg zum Glück. Drittens kann die Erforschung des Glücks, das Lesen, Schreiben und Reden darüber, den Forschenden glücklich machen. Christoph Lau zumindest verströmt im Gespräch über die Lottospieler eine spielunabhängige Art von Lebensfreude.

Vierzehn Lebensläufe, einer davon stammt aus Berlin, haben Lau und Kramer als Studenten der Sozialpädagogik untersucht. Dazu waren sie auf die Unterstützung von zwei westdeutschen Lottogesellschaften angewiesen. Das Erste, was Lotto-Millionäre nach dem Glückwunsch zu hören bekommen, ist die Warnung der Gewinnerbetreuer vor öffentlicher Freude. Nur fünf der 14 Lottomillionäre ließen sich auf den direkten Kontakt mit den beiden Lottoglücksforschern ein, die anderen gaben nur über die Gewinnerbetreuer Auskunft. Die meisten Gewinner gehen vernünftig mit dem Geld um. Sie zahlen Kredite ab und genießen ihren Reichtum nur durch einen hohen Pegelstand beim Girokonto.

Der mit dem höchsten Gewinn - 10,2 Millionen – ging, so Lau, am sparsamsten mit Informationen über sich um. Er habe auch das meiste Geld übrig behalten. Die meisten Gewinner – im Durchschnitt hatten sie 1,55 Millionen – fühlten sich nicht reich, eher wohlhabend. Die Mehrzahl wollte den Job behalten und größere Summen für eine Wohnung oder das Haus ausgeben. Zwei der Befragten – beides Frauen – begannen mit dem Geldausgeben für ein Auto und die Garderobe schon vor der Auszahlung des Gewinns. Ganz allgemein standen Autos und Reisen oben auf den Wunschzetteln der Gewinner.

Auf solche Ideen kommt jeder, der an einem trüben Vormittag in Anbetracht von graugesichtigen Kollegen darüber nachgedacht hat, ob und wie ein Lottogewinn sein Leben ändern würde. Die spontane Kündigung gehört, wie Lau und Kramer schreiben, nicht zu den Reflexen der deutschen Lottomillionäre. Die beiden haben die im Grunde doch triviale Sache mit dem vielen Geld auf ihre Bedeutung hin befragt. Sie haben Antworten gefunden, über die man länger nachdenkt als über die Frage, ob man mit einem Gewinn eher auf die Malediven oder nach Hawaii fliegen würde.

Christoph Lau, der heute in einem Oranienburger Heim mit Behinderten arbeitet, sagt von sich, er sei „auch durch dieses Buch“ ein glücklicher Mensch. Was würde er mit einem Gewinn machen? Einen Hubschrauber anschaffen, für den Weg nach Oranienburg? Vielleicht, sagt er, würde er sich Zeit kaufen, Zeit für ein anderes Buch. Und die Arbeit aufgeben, all das, was sie gibt und nimmt, beziehungsintensiv, wie sie ist? „Ich lebe nicht mit der Gefahr, im Lotto zu gewinnen.“ Lau spielt nicht.

Christoph Lau, Ludwig Kramer: Die Relativitätstheorie des Glücks. Über das Leben von Lottomillionären. Centaurus Verlag, Herbolzheim 2005. 178 Seiten, 18,90 Euro

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