• Strafbefehl gegen Polizeimitarbeiter: Polizistenverein: Sozialberatung der Behörde funktioniert nicht

Berlin : Strafbefehl gegen Polizeimitarbeiter: Polizistenverein: Sozialberatung der Behörde funktioniert nicht

Otto Diederichs

Der polizeiliche Selbsthilfeverein ProPolice hat schwere Vorwürfe gegen die Sozialbetreuungsstelle erhoben. Der frühere hochrangige Polizist Hans-Jürgen Förster nannte die Strafbefehle gegen den Leiter der Polizeilichen Sozialbetreuung, Peter N. und die Polizeiärztin Dr. Claudia S. in Zusammenhang mit dem Freitod der 24-jährigen Berliner Polizeimeisterin Stefanie L. vor drei Jahren "als zwangsläufige und seit langem vorhersehbare Folgen organisatorischer Versäumnisse beim sozialmedizinischen Dienst". Der Leitende Polizeidirektor a.D. und ehemalige Leiter der Direktion 2 sagte gestern, die 1988 vom damaligen Polizeipräsidenten Georg Schertz eingerichtete Betreuungsstelle habe "vom ersten Tag an ohne die in der gesamten Polizeibehörde übliche Geschäftsordnung in Form einer speziellen Geschäftsanweisung" gearbeitet.

Wie berichtet, hatte sich Stefanie L. im Juli 1997 mit einer Pistole im Haus ihrer Eltern erschossen, weil sie sich als "Mobbing-Opfer" innerhalb der Polizei fühlte. Vor kurzem hatte die Staatsanwaltschaft zwei Strafbefehle ausgestellt, weil zwei Anzeigen von Stefanie L. gegen Kollegen ein Jahr lang innerhalb der Polizei verschwunden waren. Die Polizeimeisterin galt auf ihrer Dienstelle, dem Polizeiabschnitt A 17 als ehrgeizig, besserwisserisch und übereifrig. In einem Bericht, den die junge Frau kurz vor ihrem Tod verfasst hatte, beschrieb sie mehrere drastische Mobbingvorfälle gegen ihre Person. Die Situation eskalierte schließlich soweit, dass ein Sondereinsatzkommando wegen eines mutmaßlichen Suizidversuchs nachts die Wohnung der jungen Kollegin stürmte. Stefanie L. wurde in die Bonhoeffer-Nervenklinik gebracht. Gegen ihren Willen war damals auch die Polizeiliche Sozialbetreuung eingeschaltet worden.

Durch eine fehlende Geschäftsanweisung, so der ehemalige Polizeiführer Förster und ProPolice, seien die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten der Sozialbetreuung bis heute "weder geregelt noch nachvollziehbar". Hierdurch seien "zwangsläufig Willkür, Beliebigkeit und Ungleichbehandlung Tür und Tor geöffnet". Dass dabei auch, wie im Falle Stefanie L., Aktenteile längerfristig verschwinden können, wundert Förster daher nicht. Durch die organisatorischen Versäumnisse bei der Einrichtung vor zwölf Jahren könne die Sozialbetreuung ihrer Aufgabe, zentrale Hilfseinrichtung der Berliner Polizei zu sein und Polizeiangehörigen bei Konflikten aller Art beratend zur Seite zu stehen, nicht erfüllen.

Zumeist aus Überforderung bei der Dienstausübung suchten 1999 rund 500 Berliner Polizisten und Polizistinnen die Sozialbetreuung auf. In etwa 300 Fällen waren psychische Probleme wie Depressionen oder Panikanfälle die Folge. Aber auch Flucht in den Alkohol (rund 200 Fälle) kann eine der Reaktionen sein. Die jeweiligen Hilfsangebote, so die jetzt erhobenen Vorwürfe, seien jedoch vom eigenen Selbstverständnis, Engagement und individuellen Fähigkeiten abhängig. "Deutlich erkennbar" nehme das Vertrauen der Hilfesuchenden in die Sozialbetreuungsstelle ab, so ProPolice. Viele kämen nur, weil sie von ihren Vorgesetzten dazu aufgefordert würden.

Von der Polizeibehörde fordert ProPolice deshalb, endlich für transparente und professionelle Arbeitsstrukturen zu sorgen. Grundsätzlich hält der Verein eine Sozialbetreuungsstelle zwar für notwendig, doch nur, wenn sie auf der "Basis deutlich erkennbarer sozialer Kompetenz" arbeite, verdiene sie diesen Namen auch tatsächlich.

Der Verein ProPolice besteht seit zwei Jahren. Seine 32 Mitglieder sind oder waren überwiegend selbst Polizisten. Doch auch polizeifremde Personen wie die Sozialpädagogin Martina Thiele-Uhlemann gehören dem Vorstand an. "Für die Polizei, aber nicht zwangsläufig mit ihr", lautet die Kurzformel für das Ziel, das sich der Verein gesteckt hat.

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