Straßenbahnunglücke in Wedding : Geradeaus in den Tod

15 Menschen starben seit 1997 an der Straßenbahnstrecke entlang der Osloer Straße und Seestraße – trotz aller Sicherungsmaßnahmen. Eine Spurensuche.

Ferdinand Dyck
Auf Schienen. Andreas Völbel war kaum 21, da fuhr er allein eine Straßenbahn durch Berlin. Bestellte seine Freundin an die Strecke, die winkte.Alle Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
21.02.2011 11:36Auf Schienen. Andreas Völbel war kaum 21, da fuhr er allein eine Straßenbahn durch Berlin. Bestellte seine Freundin an die...

BerlinEin kleiner Fetzen weiß-roten Polizeiabsperrbandes hängt an einem Ampelmast. Der kalte Wind zerrt daran. Es ist leicht, das Flatterband zu übersehen, doch die Ampel mit dem Band ist ein Symbol. Sie steht für viele unbeantwortete Fragen. Am Straßenbahnübergang Seestraße/Turiner Straße in Wedding wurde kürzlich ein Mann getötet, als er mit seinem Rad von einer Tram erfasst wurde. Er war bei Rot gefahren.

In Berlin kommt es immer häufiger zu Straßenbahnunfällen. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei bei insgesamt 330 Unfällen 30 Schwer- und 119 Leichtverletzte. Das entspricht einem Anstieg von 9,3 Prozent im Vergleich zu 2009. Vier Menschen ließen dabei ihr Leben. Besonders betroffen ist die Tramstrecke entlang der Osloer Straße und Seestraße. In den letzten 14 Jahren starben hier 15 Menschen. Auch die Polizei nennt das eine „Häufung“. Sie glaubt nicht an Sicherheitsmängel oder an eine Verantwortung der Straßenbahn, sondern spricht von „Unvorsichtigkeit und Fahrlässigkeit“. Erst vor wenigen Tagen ist eine alte Frau in Hellersdorf von einer Bahn erfasst und schwer am Kopf verletzt worden. Sie hatte ein Warnsignal übersehen.

Die Gleise geradeaus ohne Büsche: Wie kann man hier die Tram übersehen?

Der Übergang Turiner Straße/Seestraße ist nicht sonderlich frequentiert. Die Straßenbahnschienen verlaufen in einem separaten Gleisbett in der Mitte der Straße. Sie führen in beide Richtungen schnurgeradeaus und sind rechts wie links mehrere 100 Meter weit einsehbar. Es gibt keine Büsche, die den Blick versperren. Es scheint unbegreiflich, wie sich an dieser Stelle ein derartiger Unfall ereignen konnte. Bülent Zorlner betreibt seit zwei Jahren einen Kiosk im Bahnhof Seestraße und beobachtet täglich das Verhalten am Gleis: „Die Menschen schauen überhaupt nicht nach links oder rechts. Niemand interessiert sich für eine rote Ampel. Die Leute sind so unglaublich leichtsinnig.“ Auch andere Anwohner sehen die Hauptverantwortung für die Unfälle durchweg bei den Opfern. Ali Kücük glaubt, dass die meisten sich der Gefahr nicht bewusst sind. Von seinem Laden aus hat der Gebrauchtwarenhändler freien Blick auf die Unfallstelle: „Die Bahn ist hier am Übergang mit einem sehr hohen Tempo unterwegs. Das unterschätzt man.“ Wenn man es selbst ausprobiert, versteht man, was er meint. Man muss sich nur an den Übergang stellen, den Blick in Richtung Tram – wenn sie noch 50 Meter entfernt ist, schließt man die Augen und zählt: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund...“ Bis der gelbe Rumpf vorbeidonnert, dauert es keine drei Sekunden.

Am Übergang Wriezener Straße/Osloer Straße hat jemand einen bunten Stoffblumenstrauß mit braunem Paketband am Seitengeländer befestigt, in der Mitte prangt eine rote Rose. Darunter ein Konservenglas, in seinem Boden schwimmen zwei verwelkte Blätter und ein weißes Teelicht im Regenwassersatz. Im November 2010 trat hier eine Mutter mit ihren beiden Söhnen unmittelbar vor der Tramlinie 50 aufs Gleis. Ein zweijähriger Junge starb sofort, sein sechsjähriger Bruder wurde schwer verletzt, die Mutter verlor ein Bein. Dieser Unfall war nicht nur ganz besonders tragisch, er hinterlässt die Sachverständigen auch vollkommen ratlos.

„Es war ein tragischer Unfall – so etwas passiert.“

Immer wieder fordern Fahrgastverbände und andere Organisationen von Senat und BVG, die Sicherheitsstandards bei der Straßenbahn zu erhöhen. Sie verlangen mehr optische Warnhinweise und Lichtsignale. Allein: Am Übergang Wriezener Straße befindet sich bereits eine solche Sicherheitsvorkehrung: Ein Z-Gitter lenkt den Laufweg des Fußgängers bewusst so, dass eigentlich niemand diese Schranke passieren kann, ohne die letzten drei Meter vor dem Schritt aufs Gleis direkt in die Richtung des heranrauschenden Zuges zu blicken. Geholfen hat es nichts.

Monika Mikulski ist eine resolute Dame, sie knufft einem in die Seite, wenn ihr ein Punkt besonders wichtig ist. Sie ist seit 35 Jahren Kioskbetreiberin, direkt gegenüber der Wriezener Straße. Vor allem ist sie Realistin: „Es war ein tragischer Unfall – so etwas passiert. Es wurde schon dunkel und wahrscheinlich hatte die Mutter es eilig.“ Sie hält gar nichts davon, bei Unfällen reflexhaft die Straßenbahn in Haftung zu nehmen, die Ursachen lägen auf der anderen Seite: „Stellen Sie sich vor. Neulich habe ich eine alte Dame an der Müllerstraße beobachtet. Die lief ohne aufzusehen bei Rot über die Schienen – und die Frau ging schon am Stock. “

Sie bleibt gar nicht stehen, schaut nur kurz auf

Ein blondes Mädchen nähert sich dem Übergang. Mit schwarzer Daunenjacke und einem knallrosa Schulrucksack. Sie ist in Gedanken versunken, hält den Kopf gesenkt. Sie bleibt gar nicht stehen, schaut nur kurz auf – ein angedeuteter Blick nach rechts, dann steht sie schon auf den Schienen. Vom Z-Gitter hat sie sich nicht beirren lassen, ihre Rechtfertigung klingt trotzig: „Mir ist doch eine Frau entgegengekommen. Außerdem hätte ich es ja wohl gehört, wenn eine Bahn gekommen wäre!“ Schließt man noch einmal die Augen, dann hört man tatsächlich so einiges. Den enormen Verkehrslärm der Osloer Straße etwa, oder den Wind, der einem um die Ohren pfeift, ja sogar ein kleines Stück Laub, das über die Schienen geweht wird. Das Poltern der Straßenbahn klingt am Ende zwar überraschend laut – wenn man es hört, ist aber schon viel zu spät. Die Augen erhaschen gerade noch den hinteren Teil der Fahrerkabine.

Am Steuer der Straßenbahn in Richtung Seestraße sitzt eine junge Frau. Sie fährt sehr vorausschauend – an Ampeln, Übergängen und vor Haltestellen klingelt sie nicht nur, sie bremst auch immer leicht ab. Wahrscheinlich sind die Unglücke auch bei den Fahrzeugführern noch sehr präsent. Kurz vor dem Übergang Turiner Straße stehen zwei Schuljungen neben dem Gleisbett, keine zehn Jahre alt. Die Fahrerin bremst erst ab, bringt den Wagen schließlich ganz zum Stehen. Sie gestikuliert, bedeutet den beiden Knirpsen, sich zu entfernen. Erst reagieren die gar nicht, dann treten sie doch ein paar Meter zurück. Als die Bahn wieder anfährt, laufen sie ein paar Schritte mit. Lachen und feixen. Die Fahrerin lacht nicht, sie schüttelt den Kopf. Es wirkt resigniert.

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