Streifzug durch Berlin : Die Leipziger Straße ist die Härte

Dunkle Ecken, glitzernde Neubauten, Bausünden aus DDR-Zeiten und Gehupe auf acht Spuren: Auf der Suche nach der Schönheit der autoüberschwemmten Ost-West-Meile.

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Die Graffitis in der Unterührung unter der Leipziger Strasse, die von Weddinger Schülern übermalt werden sollen.
Die Graffitis in der Unterührung unter der Leipziger Strasse, die von Weddinger Schülern übermalt werden sollen.Foto: Ralf Schönball

Hier sind sie die drei ultimativen Bewährungsproben für Berliner: Nach 22 Uhr durch den Görlitzer Park schlendern und mit dem teuren Smartphone wedeln, sich in die völlig überfüllte U8 quetschen – oder, egal zu welcher Uhrzeit, mit dem Fahrrad die Leipziger Straße Richtung Mitte radeln. Letzteres ist am härtesten.

Denn so wie die Leipziger ist keine zweite Straße in Berlin: so paraden- und panzer-, aufmarsch- und autogerecht. Ja, die Leipziger ist die wahre Meile der Einheit, von Planern platt gemacht, nur um neu durchzustarten – ein Traum für Autovernarrte. Aber trotzdem kann, wer die Leipziger entschleunigt ansteuert, deren Schönheit entdecken und meint plötzlich nicht tosenden Verkehr, sondern die Symphonie der Großstadt zu vernehmen.

Und hier beginnt die Reise: am Leipziger Platz, auf dem Radweg neben dem Bürgersteig – der plötzlich abrupt endet und den Radler auf die Straße schickt. Das Abenteuer beginnt. Das Einfädeln ist eine Herausforderung, das Hupen wird ignoriert, die Leipziger ist die Ausweitung der Kampfzone, Autolenker halten sie für ihr Eigentum.

Einkaufscenter, Verfassungsorgan, Ministerium

Wer kühn ist, lässt den Blick schweifen: Die Mall of Berlin hat die Lücken zwischen den Altbauten aus den Vorkriegsjahren unauffällig aufgefüllt. Zur Rechten Lehrreiches aus der Baugeschichte: Gründerzeitlich wilhelminisiert das Herrenhaus, Sitz des Bundesrats, es schließt an, monumental und abweisend, das frühere Luftfahrtministerium der Nazis, wo heute der Finanzminister den Bundeshaushalt konsolidiert. An der Kreuzung Friedrichstraße ziehen die glatt polierten Steinfassaden von Bausünden aus Nachwende-Jahren den Eifer der DDR-Architekten ins Lächerliche, die die benachbarten Plattenbauten mit Erkern aufgemotzt hatten. Aber da endet auch schon, ohne Warnung, der historische Straßenverlauf, aus vier Spuren werden plötzlich acht – und Achtung: Die Autos nehmen Anlauf, wie am Ende eines Tunnels.

Dieter Malsbender aus Gütersloh in "seiner" Leipziger Straße vor dem Ärztehaus an der Unterführung Jerusalemer Straße.
Dieter Malsbender aus Gütersloh in "seiner" Leipziger Straße vor dem Ärztehaus an der Unterführung Jerusalemer Straße.Foto: Ralf Schönball

Hässlich, sagen die einen, sind die folgenden in den Himmel ragenden Hochhaus-Zeilen und -Scheiben aus DDR-Zeiten. Seit der Sanierung sehen sie aus wie aus Lego zusammen gesteckt. Dass die Blöcke an der Südseite von einem schwedischen Baukonzern aus Stahlbeton gegossen und nicht aus Platten gesteckt wurden, weiß wohl nur, wer diesen Ort liebt. Der 69-jährige Dieter Malsbender zum Beispiel, Leitender Kreisverwaltungsdirektor a. D. aus Gütersloh. Ein Wessi? Jawohl, einer von jenen, die nach langem Erwerbsleben und mit gut gefülltem Rentenkonto eine Eigentumswohnung in Berlin kauften und nun täglich ihre Wahl treffen unter „14 Theatern und Opern, die wir zu Fuß erreichen“.

Wohnen für 14 Euro je Quadratmeter - trotz vorhandenem Baugrund

Wohnen wegen der Lage so viele Wessis in diesen Blöcken? Bundestagspräsident Norbert Lammert etwa „und sieben Paare aus dem Münsterland, Baden-Württemberg und viele aus NRW“, die allein schon Malsbender aufzählen kann? Wer jetzt Feuer gefangen hat, muss sich abkühlen: Hier ist nichts mehr zu vermieten und falls doch, sind schon mal 14 Euro je Quadratmeter und Monat fällig. Längst wird in der benachbarten Krausenstraße auch kräftig gebaut: Eine Lücke ist schon geschlossen, die Wohnungen sind teuer verkauft. Ein paar Häuser weiter wird der Rohbau des „Margrafenkarrees“ gerade fertig: 365 Mietwohnungen für 80 Millionen Euro entstehen hier.

Fassaden der Hauptstadt
Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.Weitere Bilder anzeigen
1 von 430Foto: Peter Wand
08.11.2016 14:51Erhaltene Dorfstruktur im Ortsteil Lübars in Reinickendorf.

Noch viel mehr Wohnungen werden benötigt und mitten auf der Leipziger Straße wäre Platz dafür, wenn diese auf ihren historischen Zuschnitt eingedampft würde. Der Senat wollte das schon vor 16 Jahren und beschloss das „Planwerk Innenstadt“, das eigentlich heute noch gilt: Demnach sollen der Querschnitt von Leipziger und Gertraudenstraße erheblich verringert werden und Neubauten auf den so gewonnenen Flächen entstehen. Berlin ist die Stadt der Pläne und Visionen. Die Realität aber ist, dass die Bauverwaltung nicht mal beantworten kann, ob die Straßenbahn bald die Leipziger entlang fährt, wie geplant: „Ob die Bahn über die Leipziger Straße oder über parallele Straßen geführt werden soll, ist noch zu beantworten.“ Es gebe Bedenken, dass es in der Leipziger Straße mehr Staus geben könnte. Nichts genaues weiß man nicht.

Die Interessengemeinschaft packt selber an

Lidl, Rossmann, Küche+Co, Polstermöbel und eine Apotheke gibt es in den Pavillons zwischen den Hochhäusern und dazwischen die prallen Melonen vom türkischen Gemüsehändler – „ein Schuster, eine Reinigung und ein Bio-Supermarkt fehlen“, findet Malsbender. Platz genug wäre ja, nicht in den Pavillons, die unter Denkmalschutz stehen, aber auf der anderen Seite der Leipziger. Ein Fußgängertunnel führt unter dem Damm dorthin. Auf dessen Wände prangt grell Graffiti. Aber das wird bald übermalt von Kids aus Weddings Diesterweg-Gymnasium. Die Interessengemeinschaft Leipziger Straße hat sie mobilisiert und die Finanzierung gesichert.

So manches hat die Initiative schon gestemmt: 15.000 Euro sammelt sie jährlich unter den Hochhaus-Bewohnern ein und pflegt davon den Park am Fuße der Türme. Deshalb ärgert sich Malsbender, der kräftig mitmacht, über den Zustand der Plattenbauten auf der Nordseite der Straße: Hier wäre viel Platz für Läden und Lokale, aber fast alles steht leer hinter den verschmutzten, blinden Fenstern. An den Eingängen sind Steine aus dem Pflaster gelöst und zu Haufen gestapelt. Die Häuser gehören dem Bund. Deren Immobilienfirma Bima habe immer andere Ausreden gehabt, warum sie ihren Besitz nicht instand halte. Die neuste: Nun werden die Wohnhäuser dem Land Berlin verkauft – da fließt kein Cent mehr.

Die „Mall of Berlin“ nach dem ersten Halbjahr
Bis zu 270 Geschäfte passen in die Mall of Berlin, die vor einem halben Jahr am Leipziger Platz in Mitte eröffnet hat. Ein weiterer Ausbau ist geplant.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Cay Dobberke
30.06.2015 20:45Bis zu 270 Geschäfte passen in die Mall of Berlin, die vor einem halben Jahr am Leipziger Platz in Mitte eröffnet hat. Ein...

Typisch Berlin könnte man aber auch sagen. Zwei spindeldürre verwitterte Fahnenmaste, aus einer anderen Zeit hinübergerettet, ins Pflaster vor dem leeren Haus gepflanzt. Am Rande einer Grünfläche sitzt ein Mann mit Kapuzenpulli, versunken in eine dickes Buch, die Bierflasche griffbereit neben ihm. Ein Vietnamese hockt vor dem Lidl und stippt die Asche von der Zigarette. Und der Leitende Kreisverwaltungsdirektor a. D., aus dem 12. OG der Leipziger Straße, der nach dem Rechten sieht.

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