STREIK BEI DER S-BAHN : Das Chaos blieb aus

Zwei Stunden lang ruhte der Verkehr: Die Fahrgäste reagierten gelassen auf die Überraschung am Morgen, die BVG hatte keine Probleme. Die Taxifahrer waren indes enttäuscht - sie konnten kaum vom Streik profitierten.

Klaus Kurpjuweit,Stefan Jacobs

Entwarnung für die Fahrgäste: Auch in Berlin wird es in den nächsten Tagen keinen Streik mehr bei der S-Bahn geben. Am Mittwochabend hatte das Arbeitsgericht Chemnitz der Gewerkschaft der Deutschen Lokführer (GDL) bundesweit untersagt, im Regionalverkehr zu streiken. Darunter fällt auch die S-Bahn in Berlin. Die Entscheidung in Chemnitz sei aber zu spät gefallen, um noch rechtzeitig zugestellt werden zu können, sagte gestern der Berliner GDL-Chef Hans-Joachim Kernchen. So wurde gestern früh der am Abend vorher angekündigte Streik vollzogen. Von 8 Uhr bis 10 Uhr fuhren bei der S-Bahn fast keine Züge mehr.

Gegen 12. 30 Uhr war dann – fast – alles wieder vorbei. Gegen Mittag lief der Verkehr fast überall wieder planmäßig. Nur auf der Linie S 85 (Grünau/SchöneweideWaidmannslust) fuhren vorerst weiter keine Züge. Doch am Nachmittag hatte sich auch hier der Verkehr normalisiert.

Obwohl die GDL den Streik erst am Abend vorher angekündigt hatte, gab es kein Verkehrschaos in der Stadt. Wie bei den beiden Warnstreiks Anfang Juli blieben die meisten Fahrgäste gelassen. Zudem kam auch der Verkehr bei der S-Bahn nicht voll zum Erliegen; auf fast allen Strecken waren weiter Züge unterwegs – allerdings in sehr unregelmäßigen Abständen.

Die Geschäftsleitung hatte auch Mitarbeiter aus der Verwaltung und den Werkstätten, die Züge fahren dürfen, eingesetzt. Weil der Streik kurzfristig angekündigt worden war, sei aber zu wenig Zeit für die Vorbereitung geblieben, sagte ein Bahnsprecher. Diese Mitarbeiter übernahmen auch Züge, die von streikenden GDL-Mitarbeitern in Bahnhöfen gestoppt worden waren und dort die Gleise blockierten. So gelang es unter anderem, im Bahnhof Friedrichstraße ein Gleis für einen Pendelverkehr auf der Stadtbahn frei zu bekommen.

In Grünau war bereits die Bahn um 7.40 Uhr nach Birkenwerder ausgefallen, aber am Alexanderplatz hieß es zwei Minuten vor acht Uhr noch „Potsdam einsteigen, bitte!“ Der S-Bahn-Zug war nicht voller als sonst, als er abfuhr.

Punkt acht Uhr gingen dann in der Bahn auf dem Nachbargleis die Lichter aus und die Türen auf, aus der Anzeige „Wartenberg“ wurde „Ansage beachten!“, die Aufsicht empfahl den Fahrgästen „die Angebote der BVG“ sowie die Regionalexpresszüge am Bahnsteig nebenan. In diesen herrschte nun noch mehr Gedränge als sonst.

Unten, bei den Angeboten der BVG, warnten die Anzeiger nicht mehr vor der Lücke zwischen Zug und Bahnsteig, sondern vor dem S-Bahn-Streik, aber die U-Bahnen kamen ebenso pünktlich voran wie die Straßenbahnen auf dem Alex. Und sie waren nicht einmal merklich voller als sonst. Am Info-Schalter in der Bahnhofshalle verwies ein Azubi die Touristen gut gelaunt – und „of course“ auch auf Englisch – auf die Ausweichmöglichkeiten; viele dankten freundlich, keiner meckerte. „Ich hätte es mir spannender vorgestellt“, sagte der Nachwuchs-Bahner.

Oben auf dem S-Bahnsteig herschte inzwischen Ruhe. Der Fahrer des abgestellten Zuges sagte, er fühle sich ganz und gar nicht wohl, denn für die Passagiere wolle er ja fahren – aber eben nicht für die Bahn, und irgendwas müsse man ja tun. Ein bayrischer Tourist kam vorbei, fragte: „Wann fahrt’s denn wieder?“ und erzählte solidarisch etwas von Bossen, die sich die Taschen auf Kosten der Mitarbeiter und Kunden vollstopfen. Eine knappen Stunde später hielt am Nachbargleis ein fast leerer S-Bahn-Zug und fuhr weiter Richtung Ostkreuz. Dann kam einer Richtung Zoo.

BVG-Sprecherin Petra Reetz meldete: „Keine Probleme.“ Den U-Bahnern sei es sogar gelungen, kurzfristig mehr Wagen an die Züge zu hängen.

Den Streik spürte man auch an den Kiosken auf den Bahnsteigen. „Die Leute kaufen einfach weniger“, sagten Verkäufer. Und auch die Taxifahrer profitierten nur wenig vom Streik: „Es war mau wie immer“, klagte ein Fahrer, der während des Streiks an seinem Stand am Rathaus Steglitz 40 Minuten auf einen Fahrgast gewartet hatte.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben