Berlin : Streit um Medikamente: Neue Pillen haben ihren Preis

Christoph Stollowsky

Wieviel darf ein niedergelassener Arzt pro Patient für Arzneimittel ausgeben? Mit welcher Summe er bei Verschreibungen auskommen muss, ist den Pro-Kopf-Pauschalen oder Richtwerten zu entnehmen. Ein brisantes Zahlenwerk, denn auf dem Hintergrund steigender Medikamentenausgaben und finanziell gebeutelter Krankenkassen sind diese Werte jedes Jahr neu umstritten. In der vergangenen Woche verhandelten Vertreter der Berliner Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) über die Pauschalen für 2001. Doch man kam sich nicht näher, zumal die Gespräche in Berlin besonders festgefahren sind: Für das Jahr 2000 konnten sich beide Seiten bis heute nicht einigen.

Deshalb gibt es auch für dieses Jahr noch keine verbindlichen Daten. Gültig sind nach wie vor die Richtwerte des Jahres 1999. Eine Situation, die aus Sicht vieler Ärzte bei der alltäglichen Therapie erhebliche Engpässe schafft. Denn die Medikamentenkosten sind um einiges gestiegen, und in der jüngsten Vergangenheit kamen vor allem im Bereich der Krebs- und HIV-Therapien sowie für neurologische Erkrankungen sogenannte innovative Präparate mit in der Regel hohem Wirkungsgrad und geringen Nebenwirkungen auf den Markt. Sie sind allerdings meist erheblich teurer als bisherige Arzneien. Hinzu kommt, dass Krebs- und HIV-Patienten sowie viele andere Schwerkranke mehr denn je zu Hause behandelt werden.

Auch dadurch seien die Medikamentenausgaben im ambulanten Bereich erheblich hochgeschnellt, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung und schlussfolgert, dies müsse sich im Gesamtbudget für alle Berliner Ärzte sowie in den Praxisbudgets für Arzneimittel niederschlagen. Als Beispiel rechnet sie vor, etwa 80 Prozent der Behandlungskosten für einen Aids-Patienten würden inzwischen in freien Praxen anfallen. Vor einigen Jahren war es umgekehrt, der Kampf gegen das HIV-Virus wurde in Kliniken geführt. Deren hohe Rechnungen bleiben den Krankenkassen nun erspart, weil ambulante Therapien günstiger sind. Dafür müssten die Versicherungen aber aus Sicht der Ärzte in den Praxen einen finanziellen Ausgleich schaffen.

Doch bisher reagierte nur die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK). Sie überwies der KV vier Millionen Mark als Dankeschön dafür, dass sich die Klinikeinweisungen und Liegetage von AOK-Patienten im letzten Quartal 2000 um acht Prozent verringerten. Mit dem Arneimittelbudget hat der Bonus aber nichts zu tun, denn bei dieser Debatte ziehen alle Kassen an einem Strang. Sie lehnen die Argumente der Gegenseite ab, weil es nach ihrer Einschätzung im Arzneimittelbereich "erhebliche Einsparungspotenziale" gibt. Als Grund geben sie an, viele Ärzte würden noch immer viel zu teure Medikamente verordnen, obwohl es billigere Alternativen mit gleicher Wirkung gebe. Alleine die AOK Berlin könne durch einen Präparatewechsel bei 14 umsatzstarken Mitteln während eines Quartals rund 7,2 Millionen Mark sparen.

Insgesamt hatten die Berliner Ärzte im Jahre 1999 ein Arzneimittelbudget von 1,55 Milliarden Mark zur Verfügung, doch sie überzogen es um 12,7 Prozent (das entspricht rund 198 Millionen Mark). Abgestimmt war das Budget auf die durchschnittlichen Vorjahresausgaben der einzelnen Facharztgruppen. Wieviel diese wiederum pro Patient ausgeben dürfen, errechnet sich nach einem einfachen Schlüssel: Ihre berlinweiten Vorjahresdaten werden durch die Gesamtzahl der jeweiligen Patienten einer Fachgruppe geteilt - heraus kommt die Pro-Kopf-Pauschale. Internisten dürfen einem Versicherten zur Zeit auf der Basis von 1999 Medikamente für 97,51 Mark pro Quartal verschreiben (Rentner: 207,17 Mark).

Um solche Zahlen wird jetzt gerungen. Doch eine Berechnung nach dem einfachen Teilungsschlüssel kommt für beide Seiten nicht in Frage. Die Kassen wollen vom jeweiligen Durchschnittsergebnis Einsparungen abziehen, die sie für möglich halten. Die Ärzte sehen gleichfalls Sparchancen, halten aber entgegen, der Anstieg von Kosten und des Arzneibedarfs im ambulanten Bereich sei größer. Das lasse sich allein durch eine wirtschaftlichere Verordnungsweise nicht auffangen.

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