Streitgespräch : Das Glück des Mauerfalls

Günter Schabowski und Arnulf Baring diskutierten über den Weg zur Grenzöffnung.

Anna Corves

Berlin"Die, die eigentlich die Grenze geöffnet haben, waren die Menschen und die Grenzposten. Und es war die Tatsache, dass es im Politbüro noch ein paar Vernünftige gab, die gesagt haben, man muss die Grenze öffnen." Das sagte das frühere SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am Dienstagabend im Weddinger Lichtburgforum.

Im Rahmen der Reihe "Wiedersehen mit den Großen" waren Schabowski und der Historiker Arnulf Baring zu einer Gesprächsrunde zusammengekommen, die von Tagesspiegel-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller moderiert wurde. Anlass boten gleich drei Jubiläen - 20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Bundesrepublik und Schabowskis 80. Geburtstag Anfang Januar.

Das Interesse war zu groß für den Saal. Schon eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn waren alle 70 Stühle belegt, viele Zuhörer mussten stehen. Das Publikum wollte Schabowski hören - und der Mann, der am 9. November 1989 wie beiläufig auf einer Pressekonferenz die Öffnung der DDR-Grenze verkündet hatte, redete fast eineinhalb Stunden lang.

Schabowski, der für den Tod von DDR-Flüchtlingen mitverantwortlich gemacht und verurteilt wurde, steht zu seiner Mitschuld und wirkt seit der Wende an der Aufarbeitung der DDR mit. Detailliert rekonstruierte er im Lichtburgforum die Ereignisse im Jahr 1989. Vor allem die Öffnung der ungarischen Grenze am 2. Mai habe bei den "Jüngeren" im Politbüro - auch bei ihm mit damals 60 Jahren - ein Umdenken angeregt. Anekdotenreich erzählte er auch von der Politbürositzung am 16. Oktober 1989, in der Honecker von den "Verschwörern" um Schabowski abgesetzt wurde.

Im Mittelpunkt der Gesprächsrunde am Dienstagabend stand jedoch die legendäre Pressekonferenz am 9. November, die Schabowskis Platz in den Geschichtsbüchern sicherte. Er legt Wert darauf, die Grenzöffnung bewusst verkündet zu haben. "Dass ich nicht gewusst haben soll, was ich da verlesen habe, ist Quatsch." Der Historiker Arnulf Baring sieht die historische Leistung Schabowski woanders: "Ich halte den 9. November für ein großes Glück, aber keine bewusste Entscheidung von Ihnen. Ihre große Leistung ist, dass Sie sich als Einziger im Nachhinein auf eine eindrucksvolle Weise kritisch damit auseinander- gesetzt haben." Darauf konnten sich alle Anwesenden einigen.

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