Berlin : Strippenzieher in Nadelstreifen

Der Ex-ÖTV-Chef Kurt Lange berät die BVG beim Personalabbau

Sigrid Kneist

Für die Bewag sollte der 12. September 1997 ein besonderer Tag sein; der damalige Bundespräsident Roman Herzog wollte dem Stromversorger einen Besuch abstatten und ein neues Heizkraftwerk eröffnen. Für den damaligen ÖTV-Chef Kurt Lange war dies der passende Zeitpunkt, seine Bewag-Mannen für diesen Tag zum Warnstreik aufzurufen und das Staatsoberhaupt mit einigen hundert Demonstranten zu begrüßen. Der Protest richtete sich gegen den Verkauf der Landesanteile an der Bewag, gegen den Lange mit der ÖTV vehement kämpfte. Knapp drei Monate später war das Unternehmen privatisiert und der Gewerkschafter, der zehn Jahre an der Spitze der Berliner ÖTV stand, für den Posten des Arbeitsdirektors im Bewag-Vorstand nominiert. Heute berät der 57-jährige promovierte Sozialwissenschaftler die BVG bei ihren Personalabbauplänen.

„Verrat“ schrien bei Langes Wechsel in den Bewag-Vorstand manche alten Gewerkschafter; die Mehrzahl der ÖTVler fand diesen Seitenwechsel aber völlig normal. Lange selber natürlich auch. Denn schon immer waren in Berlin Gewerkschafter auf den Posten des Arbeitsdirektors bei den Eigenbetrieben gehievt worden. Im Bewag-Vorstand konnte sich Lange jedoch nur anderthalb Jahre halten. Im Oktober 1999 entzogen die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ihm das Vertrauen. Seine Linie in einem Tarifkonflikt war zu hart gewesen. Lange musste gehen, allerdings nicht ohne eine ordentliche Abfindung in Millionenhöhe mitnehmen zu können. Bei etlichen seiner früheren Weggefährten bei der früheren ÖTV, der heutigen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, hinterließ dieses bittere Gefühle.

Nach seinem Ausscheiden aus der Bewag wurde es zumindest öffentlich still um den heute 57-jährigen promovierten Sozialwissenschaftler. Dieser hob sich seinerzeit in der Gewerkschaftsszene durch sein stets tadelloses, ein wenig extravagantes Outfit, den Dienst-Mercedes und eine ausgesprochen geschliffene Diktion ab. In der Sache war er dann gerne knallhart. Denn auch im Nadelstreifenanzug kann man das gewerkschaftliche Credo „Wir beugen uns nicht dem Lohndiktat der Arbeitgeber“ von sich geben. Aber Lange, der bekannte Strippenzieher, wollte durchaus noch hinter den Kulissen wirken. Er war immer wieder dort präsent, wo Entscheidungen fallen. Auf SPD-Parteitagen ließ er sich auch als Quasi-Privatier blicken. Allerdings wurde er dort nicht mehr so hofiert wie einst als ÖTV-Vorsitzender. Und seine Beratertätigkeit für die BVG ist nicht die erste dieser Art. Erst unlängst in den gesonderten Tarifverhandlungen für den Berliner öffentlichen Dienst erhob er beratend seine Stimme. Jedoch nicht für seine ehemaligen Gewerkschaftskollegen, sondern für die Arbeitgeberseite, den Senat. Dieses hinderte ihn in der letzten Woche nicht daran, beim jährlichen Hoffest der Gewerkschaft wie gewohnt seine Runde zu machen. Wie immer korrekt gekleidet, im dunklen Anzug. „Wenn Lange kommt, dann kommt er, um zu wirken“, sagte ein Beobachter.

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