Berlin : Stromsperre, Kartoffelersatz: Der Blockadealltag im Tagesspiegel

Thomas Loy

„Gottfried Fournes Weingroßhandlung“ in Steglitz meldet für den Silvesterabend 1948 den Lesern des Tagesspiegels folgende Lagerbestände: „Viel an Likören und Spirituosen – Mampe Gold, Kahlbaum-Kabinett, Engelhardt-Rum, wenig an wirklich guten Weinen – Mosel, Rheinhessen, Franken, leider nichts an Sekt und Champagner.“ So ist das während der Blockade: Es gibt immer etwas, aber selten das Richtige und nie genug.

Während in der „Bizone“, also Westdeutschland, der Warenstrom stetig anschwillt, verschärft sich im eingeschlossenen Berlin die Mangelverwaltung auf Bezugsschein. Zuerst geht die Milch aus, dann Eier und Kartoffeln. Über die Luftbrücke wird nur eingeflogen, was wenig oder kein Wasser enthält. Statt Frischgemüse und Obst gibt es Eipulver, Trockenkartoffeln, Trockenobst und Trockenbohnen. Rindfleisch wird nur als Konserve ausgegeben. Von frischem Fisch dürfen die Berliner nur träumen. Allenfalls eingelegte Heringe erreichen die Inselstadt.

Als Kartoffelersatz liefern die Alliierten „POM“, ein britisches Kartoffelpulver. „Bloß nicht den ganzen Monat Trockenkartoffeln“, heißt es in einem Tagesspiegel-Pamphlet vom Februar 1949, geschrieben aus Sicht der Hausfrau. „Noch weniger Sympathien erwarb sich das Kartoffelkloßmehl.“ Einigen erscheint es als „ungenießbar“. In Ungnade fällt auch „Ultrasüß“, ein Zuckerersatz, der einen „brennenden Geschmack“ hinterlässt. Die Kritik wird gehört: „Nach einem Probeessen sprachen sich die Dezernenten der Bezirks-Ernährungsämter ... für die Absetzung des Kartoffelkloßmehls vom Speisezettel aus, da man teilweise einen etwas sandigen Beigeschmack feststellte. In Zukunft ist dafür ,Meili‘, eine Konserve aus Frischkartoffeln, vorgesehen.“

Die Presse im Ostsektor – Neues Deutschland, National-Zeitung, Berliner Zeitung und Tägliche Rundschau – nutzt die Kritik an den Lebensmitteln, um die gesamte Luftbrücke madig zu machen. „Spekulanten“ aus Westdeutschland würden ihre miesen Geschäfte mit der Not der Berliner machen. „Die Kaufmannsläden der Westsektoren sind zu einem Stapelplatz zum Teil völlig ungenießbarer Waren geworden“, schreibt die Berliner Zeitung am 2. März 1949. Die Luftbrücke sei nur eine „Bluffbrücke“. In erster Linie gehe es den Alliierten darum, Reparationsleistungen in den Westen zu schaffen. Die Luftbrückenversorgung leide unter einer „kaum zu beschreibenden Korruption“, weiß die National-Zeitung schon im Dezember 1948 aus „sicherer Quelle“. Im Westen können nur zwei Zeitungen informieren: der parteiunabhängige Tagesspiegel und der SPD-nahe Telegraf. Die Springer-Presse existiert noch nicht. Die Berliner Morgenpost darf erst ab 1952 wieder erscheinen. Eingeflogen werden große Papierrollen für den Zeitungsdruck. Jede Woche müssen 200 Tonnen Papier nach Berlin geschafft werden, um die Auflagen der Zeitungen zu sichern. Trotzdem umfasst die tägliche Tagesspiegel-Ausgabe nur vier Seiten.

Knapp ist vor allem die Kohle. Um die Bestände zu schonen, wird die Stromproduktion auf vier Stunden beschränkt, zwei am Tag, zwei in der Nacht. Hausfrauen können ihren Kuchenteig beim Bäcker „abbacken“, schreibt der Tagespiegel, „gegen 30 Pfennig und zwei Briketts“dürfen sie die Restwärme des Ofens zum Brotbacken nutzen. Das Kraftwerk Charlottenburg öffnet im November einen Raum für Studierende der FU. Dort können sie „bei guter Beleuchtung in Ruhe arbeiten“. Die Zahnärzte behelfen sich mit alten Bohrmaschinen, die durch ein Fußpedal angetrieben werden. Die Hausfrauen verlegen das Bügeln in die Nacht. Auch viele Betriebe arbeiten nachts.

Der Magistrat tüftelt ernsthaft daran, das Kohleproblem aus eigener Kraft zu lösen. Am 15. Januar 1949 wird laut Tagesspiegel der „Bohrturm Nr. 1“ an der Jungfernheide aufgestellt. Im Beisein des Oberbürgermeisters Reuter wird die erste Bohrung niedergebracht, um die geologischen Verhältnisse zu erkunden. In 60 bis 80 Meter erwartet man, auf ein Kohleflöz zu stoßen. Auch in Spandau wird Brankohle vermutet, die im Tagebau gehoben werden soll. Bevor es dazu kommt, ist die Blockade jedoch vorbei.

Am Heiligabend 1948 geschieht etwas ganz Besonderes. Einem Spandauer Fischer geht an der Unterhavel ein Karpfen ins Netz. Der Fisch ist in West-Berlin praktisch ausgestorben, weil die Stadtgüter mit den Teichen in der Ostzone liegen. Dort müssen alle Karpfen an die russischen Kantinen abgeliefert werden. Der Havel-Karpfen sei, so berichtet der Fischer dem Tagesspiegel-Reporter, wahrscheinlich ein „Blockadebrecher“.

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