Berlin : Super Bowl: Nur die Werbung fehlt

Alex Krämer

Am S-Bahnhof Jannowitzbrücke hört man die Musik schon auf dem Bahnsteig: In der "Sportsbar" von Ex-Hertha-Stürmer Axel Kruse unten im Bahnhof versammeln sich am Sonntagabend die Anhänger des American Football. Der Super-Bowl, das Endspiel der amerikanischen Footballliga NFL, wird übertragen. Der enge Raum ist rappelvoll, schätzungsweise 300 Football-Anhänger sind gekommen. Unter der Decke hängen die Fahnen der Teams, die antreten: rechts die der New York Giants, links die der Baltimore Ravens. Sitzplätze mit Leinwandblick gibt es schon um kurz nach halb elf nicht mehr. Dabei beginnt das Spiel in Tampa erst in zwei Stunden. Darin liegt auch die Herausforderung für die Veranstalter. Sie müssen die Spannung bis dahin halten.

Ein Großteil des Publikums besteht aus Anhängern des Berliner Football-Teams Berlin Thunder. Peter und Gabriele aus Tiergarten verpassen kein Spiel des Teams und tragen Trikots mit den Autogrammen aller Spieler. Aber auch Leute, die mit Football nicht so viel am Hut haben, sind gekommen: Sabine ist hier, weil sie Heimweh nach Amerika hat. Sechseinhalb Jahre hat sie dort gelebt, jetzt will sie USA-Atmosphäre schnuppern. Zumindest beim Essen gibt es damit keine Probleme. Die Speisekarte ist dem Ereignis angepasst: Baltimore Chicken Wings, New York Giant Spare Ribs, Thunder Burger.

Außerdem bekommt Radio-Energy-Moderator Fabian von Wachsmann, der die Gäste bis zum Kick-Off bei Laune hält, Unterstützung aus Amerika - zwei Original-Cheerleader der Miami Dolphins, die es nicht bis ins Endspiel geschafft haben. Die männlichen Gäste können um Autogrammkarten der beiden langhaarigen Blondinen aus Florida ringen. Liegestütze sind gefordert, jeder neue Kandidat muss mehr schaffen als derjenige vor ihm. Der fünfte Bewerber bringt es auf 90, und jetzt traut sich keiner mehr.

Um Mitternacht ist es soweit. Das Showprogramm ist zu Ende, die große Leinwand zeigt die ersten Bilder aus dem Stadion in Tampa. In der Bar wird umgebaut, auch der letzte freie Raum vor der Leinwand mit Stühlen vollgestellt. Die New Yorker Spieler werden enthusiastischer begrüßt, in Berlin wie in Tampa. Pünktlich um halb eins dann der Kick-Off: Die an Schultern und Hintern dick ausgepolsterten Männer in Florida stellen sich auf, links die mit den weißen Trikots aus Baltimore, rechts die mit den blauen aus New York. Der Ball fliegt los, auf der Leinwand ist ein Riesengewühle zu sehen, dann ein Pfiff - nach 14 Sekunden wird das Spiel zum ersten Mal unterbrochen. Das ist wohl so beim American Football, aber für Nichteingeweihte macht es das Spiel ein wenig langweilig. "Ist ja nicht so toll zum Zugucken", meint Jan, der sonst eher Fußball schaut. Für Sabine wird die erste Werbepause nach fünf Minuten zur Enttäuschung: Die Werbung aus Amerika wird nicht übertragen. "Das ist in Amerika richtig wichtig, beim Super-Bowl werden die ganzen neuen Spots zum ersten Mal gesendet", sagt sie.

Als zwanzig Minuten später Baltimore in Führung geht, sinkt die Stimmung. Ein paar Leute jubeln zaghaft bei den seltenen Chancen der New Yorker, ansonsten schauen die Berliner unbeteiligt auf die Leinwand. Andere haben ohnehin nicht so ein Interesse am Spiel, trinken Bier und unterhalten sich. Keiner regt sich wirklich auf, die Stadion-Atmosphäre schafft es nicht, via Satellit nach Berlin vorzudringen. Bei jeder Fußball-Bundesliga-Übertragung sind die Zuschauer engagierter bei der Sache.

Zur Halbzeitpause um zwei Uhr liegen die Baltimore Ravens immer noch in Führung, New York hat noch keinen einzigen Punkt gemacht. "Erst ein Mal hat es ein Team geschafft, mit zehn Punkten Rückstand zur Halbzeit den Super Bowl noch zu gewinnen", informieren die Kommentatoren aus den USA. Schlechte Chancen für New York.

Ein großer Teil des Publikums nutzt die Pause zum Gehen, mit inzwischen ziemlich müden Gesichtern. Sabine schaut sich noch die Halftime-Show aus Tampa an: Britney Spears singt zusammen mit Aerosmith "Walk this Way". Das Publikum dort stürmt den Rasen, schwenkt Plakate: "Britney, we love you!" Auch in Berlin springt der Funke für ein paar Minuten über, die Leute stehen auf, singen mit, einige fangen an zu tanzen. Aber nach der zehnminütigen Musikeinlage ist es damit auch wieder vorbei. Noch mehr Gäste machen sich auf den Nachhauseweg.

Zurück bleiben die hartgesottenen Fans. Aber die Hoffnungen der New-York-Anhänger erfüllen sich nicht: Baltimore schlägt New York 34:7. Um kurz vor vier ist das Spiel schließlich aus. Die Kellnerinnen fangen an, die Biergläser wegzuräumen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben