Berlin : Super-Klassentreffen: Sitzenbleiber

Katja Füchsel

Es waren qualvolle Stunden. Als Olaf Schenk in seinem Auto saß, um den verwaisten Haupteingang der Messehallen zu beobachten. Und vergeblich auf den Ansturm wartete: am Freitag, Samstag, Sonntag. Jedes Mal überwand er sich nach zwei oder drei Stunden, ließ die Kontrolle hinter sich für einen einsamen Gang durch die Hallen. "Da hat man dann richtig Magenschmerzen bekommen", sagt der Chef der Agentur "Schenk Events".

Es sollte der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere werden. Ein unvergessliches Erlebnis! Ein Klassentreffen der Massen! Die größte Ex-Schüler-Ansammlung der Welt! Sie sollte ihm Ruhm, Schlagzeilen und einen Eintrag in das "Guiness-Buch der Rekorde" sichern... Und, natürlich, auch etwas Geld.

Aus der Traum. "Das Ding ist voll nach hinten losgegangen", sagt Geschäftsführer Andreas Mrozinsk in der Reinickendorfer Agentur. Und Olaf Schenk, 38, setzt hinzu: "Wir stehen am Ende." Schätzungsweise zwei Millionen Mark seien in den Sand gesetzt. Der Insolvenzantrag ist gestellt, ihm selbst bleibe jetzt nur noch "der Weg zum Sozialamt".

Manche hielten es von Anfang an für eine Schnapsidee, tatsächlich kam sie Schenk vor eineinhalb Jahren "zusammen mit ein paar Kumpels" am Stammtisch. Man müsste die alten Klassenkameraden endlich einmal wiedersehen, prosteten sich die Männer damals zu. Den ewigen Klassenclown. Die erste große Liebe. Den alten Streber. Und stellt Euch mal vor - etwa so muss es dann am Tisch weiter gegangen sein -, man könnte nach ein paar Drinks die Truppe nicht nur doppelt, sondern hundert- , ja tausendfach sehen...

Die Geschichte zum größten Klassentreffen der Welt war geboren. Ein Jahr später kündigte Schenk an, dass er die Berliner Schulabgänger "emotional berühren" und auf die Suche nach dem ersten Kuss-Partner schicken wolle. Aufgerufen waren die Ehemaligen von 535 Oberschulen aus allen 23 Bezirken, insgesamt zwei Millionen Schulabgänger also, mindestens 90 000 davon sollten sich doch schon aufraffen können, auch für 20 Mark Eintritt, meinte Schenk.

Doch als er dann am Wochenende in seinem Wagen saß, hatte er kaum Mühe, die Gäste selbst zu zählen: 175 zahlende Besucher kamen am Freitag in die sechs Hallen, sagt Schenk. Sonnabend waren es 784. Und am Sonntag schloss die Messeleitung die Tore um 14 Uhr, weil sie das Geräusch vereinzelt hallender Schritte nicht mehr ertragen konnte. Und Schenk? Untergetaucht, nicht erreichbar, auf der Flucht. Die Gerüchteküche brodelte. "Ganz große Spinne", sagt Schenk, der seine Agentur vor zwei Jahren gegründet und sich auf Straßenfeste spezialisiert hat.

Weil sich das Massen-Klassentreffen zum Flop des Jahres entwickelte, stehen bei Schenk jetzt die Geschäftspartner Schlange. Musiker warten auf ihre Gage. Händler fühlen sich betrogen. "Wir behalten uns rechtliche Schritte vor", heißt es beispielsweise bei "City Diner" im Forum Neukölln. 4500 Mark habe man für einen Stand gezahlt, aber nur 246 Mark Umsatz gemacht. Viel sei von den Veranstaltern versprochen, aber nur wenig gehalten worden. Zum Beispiel? "Es wurde gar keine Werbung gemacht."

Es ist wie nach jeder großen Pleite: Vorwürfe werden erhoben, zurückgewiesen, der Schwarze Peter wandert von Einem zum Nächsten. "Die Plakate hängen überall in der Stadt", rechtfertigt sich Schenk. Er könne für die Händler nicht viel Mitgefühl aufbringen, schließlich hätten sie sich auf eigenes Risiko beteiligt. "Persönlich leid" täten ihm hingegen die bislang leer ausgegangenen Künstler. Mit ihnen wolle er in den kommenden Tagen nach einer Lösung suchen, auch wenn sie "sicherlich nicht morgen oder übermorgen ihr Geld bekommen werden".

Schenk zweifelt nicht an seinem Konzept. "Die Medien sind Schuld", sagt er. Die Zeitungen, die Fernsehsender und Radiostationen hätten sein Projekt vor dem letzten Wochenende weitgehend ignoriert - solange, bis sich der Rekord-Versuch zum Flop des Jahres entwickelt hatte. "Hätten die Medien reagiert wie heute, hätte ich nächste Woche die Hütte voll! Jetzt sind wir bekannt!", flucht der Agentur-Chef. Und deshalb denke er gar nicht daran, sich von seiner Idee zu verabschieden. Auch wenn er jetzt pleite ist: "Wir werden die Nummer 2001 nochmal probieren!"

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