Berlin : Sven Rutkowski (Geb. 1968)

Eingeladen zu werden ist ja schön. Noch schöner ist es einzuladen.

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Berlin“ rechts, „Faith & Devotion“ links. Vor ein paar Jahren hat er sich die Wörter in großen Schnörkeln auf die Unterarme tätowieren lassen. Aber warum?

In Berlin hat er längst nicht mehr gewohnt, da musste er weg.

„Glaube“ und „Hingabe“, zwei Wörter, die mit Sven Rutkowskis Leben etwa so viel zu tun haben wie Technomusik mit Ruhe und Einkehr. Gut, an die Mode hat er geglaubt, mit Hingabe konnte er feiern. Und nach Berlin wollte er auch zurück, irgendwann, vielleicht. Aber die Tattoos waren kaum mehr als Tattoos an anderer Leute Armen, modisches Beiwerk, das hauptsächlich eines sagt: Was kümmert mich morgen? Jetzt lebe ich, jetzt will ich schön sein.

Sven Rutkowski ist früh gestorben, könnte man sagen. Mit 41, ganz schnell und plötzlich, Herzschlag oder Aneurisma, so genau weiß man das nicht. Man kann aber auch sagen: Gemessen daran, wie er gelebt hat, hat er lange gelebt. Die Leute, die in den Clubs feierten, wo auch er feierte und wo er Platten auflegte, waren viel jünger als er. Ein Freund sagt: „Der hat sein Leben viermal gelebt. Vom Fun-Faktor her.“ Um den „Fun-Faktor“ ging es in diesem Leben.

Sven Rutkowski, den alle nur Rutte nannten, kam aus West-Berlin, Zehlendorf, amerikanischer Sektor. Das ist wichtig, weil die Amerikaner für Jungs wie Rutte wichtig waren. Schwarze Musik, Rap und Hip-Hop, sportliche Klamotten, die Turnschuhe, das kam alles aus Amerika, das war cool. Jungs wie Rutte fälschten ihre Schülerausweise, damit sie schon mit 15 in die Disko kamen, sie trugen Sonnenbrillen auch wenn die Sonne nicht schien, sie schauten hoch zum DJ und dachten: Da willst du auch mal hin.

Und während andere Jungs irgendwann von anderen Dingen träumten, blieb Rutte bei der Sache. Ausgehen, feiern, hip sein, auch mal DJ sein.

Der Beruf, den er erlernte, hatte mit seiner Berufung nichts zu tun: Maler und Lackierer, immerhin eine Möglichkeit, wenn gar nichts anderes ging, etwas Geld zu verdienen. Eine viel bessere Möglichkeit tat sich auf, als er mit Freunden in New York war und sah, wie billig man dort an die modernsten Turnschuhe kam. 20 Dollar für ein Paar. Gemeinsam mit den Freunden eröffnete Rutte den ersten Berliner Laden für Turnschuhe, die nicht zum Turnen da waren sondern zum Coolsein, importiert aus der Bronx, 200 Mark das Paar. Auch T-Shirts verkauften sie und Sweatshirts, immer mit der Gewähr, dass es sich um aktuellste Ware handelt, Zeug, mit dem man sich „in der Szene“ sehen lassen kann.

Es waren die frühen Neunziger, jene Zeit, in der als fortschrittlich galt, wer an einem Sommertag über den Kurfürstendamm lief, neben einem Lastkraftwagen her mit Lautsprechern darauf, aus denen Elektromusik wummerte, Motto: „Friede, Freude, Eierkuchen“. Hinterher ging man in Clubs und tanzte zur selben Musik bis in den nächsten Morgen, körperlich gestärkt durch kleine Pillen, seelisch durch das Gefühl, einer Jugendbewegung anzugehören, welche definiert, wer spießig ist: alle, die nicht mitfeiern.

Wo gefeiert wurde, feierte auch Rutte, alle kannten ihn, weil er alle kannte. Das ist ja das Wichtigste in „Szenen“: Leute kennen.

Und dann war er weg. Verschwunden, für alle, die ihn nicht gut genug kannten, für die Behörden sowieso. Vor allem für die Behörden.

Er ist nach Köln gegangen. Über die Gründe hat er unterschiedlichen Leuten Unterschiedliches gesagt. Meistens hieß es, wegen einer Frau. Nur wegen einer Frau die Stadt verlassen? Rutte war kein Mann, der so was tat. Seine Frauen waren jung und blond und vorzeigbar, das war wichtig. Rutte war nicht einfach nach Köln umgezogen, er war untergetaucht. Hat sich nicht mehr gemeldet bei den Ämtern, nicht bei der Polizei, nicht bei der Steuer, nicht bei der Krankenkasse. Da müssen Dinge mit dem Laden schiefgelaufen sein, aber wer will über so was schon groß reden?

In Köln war Rutte sehr schnell wieder mittendrin, also in der Club- und Feierszene. Er hatte ja noch seine Kontakte, kannte DJs, Clubbetreiber, Leute von Modefirmen, er sah blendend aus, trug immer die Klamotten, die andere noch lange nicht trugen – was ungesund war, wenn er sich im Winter mit den Sachen des kommenden Sommers kleidete. Und er sagte seine Sprüche, dafür war er bekannt. Die große Berliner Schnauze, „mein Frühstück ßiick durch die Nase“, kam in Köln erstaunlich gut an. Er ging bei Grün über die Straße und wartete bei Rot, damit kein Polizist ihn nach dem Ausweis fragte, denn seiner war längst ungültig, er fuhr mit dem Fahrrad nur wenn das Licht in Ordnung war. Und wenn er mal in Streit geriet und jemandem ins Gesicht schlagen musste, das kommt beim Feiern schon mal vor, dann lief er danach gleich weg.

Seit drei Jahren ging es aufwärts. Rutte war jetzt „DJ Rutte“, angekommen, wo er immer hinwollte, hinterm Plattenspieler, da wo der Takt angegeben wird. Eingeladen zu werden ist ja schön. Noch schöner ist es einzuladen. Zusammen mit dem Schauspieler Oliver Korittke, einem Freund aus alten Berliner Zeiten, legte Rutte auf. Sie nannten sich „DJ Team Bang Bang Boom“ und wollten noch groß rauskommen, eine eigene Platte machen, die braucht man, um groß rauszukommen. Rutte wollte auch nach Berlin zurück, weil in Berlin, wie man in Köln munkelt, die Post wieder abgeht. Er wollte sich auch wieder bei den Ämtern melden.

Aber er ist umgefallen, mitten im Club, hinterm Plattenspieler. Auf der Tanzfläche haben sie versucht, ihn wiederzubeleben, umsonst. Er war der DJ und eigentlich doch am Ziel. David Ensikat

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