Berlin : Täglich eine Hängepartie

René Franzke repariert Fernsehturm-Antennen „Manchmal fühle ich mich wie im Flugzeug“ René Franzke, Betriebstechniker

Christian van Lessen

„Ziemlich frisch hier“, sagt er beim Ausstieg aus der obersten Betriebsetage, hoch über der Restaurantkugel. Steht an der Reling und schaut in die Tiefe. Über ihm ragt der Antennenmast auf, unten steht ganz winzig das Rote Rathaus. Der Job ist was für Schwindelfreie.

Wind pfeift um die Antennenbühne in 246 Metern Höhe. „Verheerend, wenn jetzt was runterfiele“, sagt René Franzke und hantiert mit Werkzeug. Er hat einen Helm auf, trägt eine blaue Sicherheitsmontur, ist mit Seilen gesichert wie ein Bergsteiger. Er setzt das Kontrollmessgerät an die Muschel-Parabolantenne. „Sendeleistung stimmt!“ Dann inspiziert er die Verankerung. Eine Schraube muss nachgezogen werden. Selbst der Schraubenzieher hängt an einem Seil. Franzke, einer der drei T-Com-Betriebstechniker des Fernsehturms, wartet und prüft die Richtfunkanlage, die Übertragungswege von Radio- und Fernsehsendern und Mobilfunkbetreibern.

Der 42-Jährige kennt den Turm seit 1980. Damals wurde er von der Deutschen Post der DDR zum Facharbeiter für Nachrichtentechnik ausgebildet. Ein Arbeitsplatz, um den ihn viele Freunde beneideten. So viel Weitblick hatte keiner. Mit alter Röhrentechnik strahlte der Turm die Radio- und Fernsehprogramme aus. Und Franzke konnte eine Stadt ohne Grenzen sehen. Damals waren oben im Turm noch Räume, die für ihn und die anderen Posttechniker ständig gesperrt waren. Die Stasi hatte merkwürdige Kabel verlegt, unterhielt eigene Funknetze. Unten im Turm war eine Station der Volkspolizei. Unvergessen bleibt René Franzke der Augenblick, als zu Neujahr ’91 das DDR-Fernsehen seine letzten Signale und die ARD ihre ersten Signale abgab, er Hunderte von Steckern, Strippen und Schaltern bearbeitete und von den Feuerwerksraketen ringsum nichts mitbekam. Franzke war dabei, als die neue digitale Technik Einzug hielt, als der Turm von der Telekom renoviert wurde.

Für den höchsten Arbeitsplatz der Stadt muss er sich alle zwei Jahre durchchecken lassen – Gleichgewichtssinn, Herz und Blutwerte. Einmal jährlich geht es zum Sicherheitstraining. Die Kollegen arbeiten im Team, sichern sich gegenseitig. Heruntergefallen ist nie einer. Einmal musste Franzke den Turm hinunterlaufen, der Aufzug war defekt. Die Beine taten ihm tagelang weh.

Nachts und bei Sturm und Gewitter dürfen die Techniker nicht draußen reparieren. Manchmal fühlt sich René Franzke wie im Flugzeug: Wenn unter ihm Wolken ziehen und er im blauen Himmel schwebt. Sein Hobby? Nicht etwa Bergsteigen. „Zu gefährlich“, sagt er. Er gärtnert in Köpenick. Dort wuchs er auf, bastelte als Kind an Radios, studierte Schaltpläne.Von weitem sah er den Fernsehturm in die Höhe wachsen.

Angst im Job kennt René Franzke nicht. „Etwas mulmig wird mir nur, wenn ich dran denke, dass mein Leben an einem Haken hängt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar