Tag der offenen Tür beim Tagesspiegel : Zeit für die Zeitung

09.09.2012 10:28 Uhrvon
Volle Sitzreihen bei allen Vorträgen und Veranstaltungen am Tag der offenen Tür. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Volle Sitzreihen bei allen Vorträgen und Veranstaltungen am Tag der offenen Tür. - Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sie waren neugierig, kritisch, wohlwollend – und spendeten Applaus: 3000 Leser kamen am Sonnabend ins Verlagsgebäude am Askanischen Platz. Sie holten sich Informationen und trafen ihre Lieblingsautoren.

Es muss nicht immer der ganz große Journalismus sein. Einer der originellsten Beiträge am gestrigen Tag der offenen Tür bestand in einer kleinen Anzeige an der Pinnwand vor Raum D: „Cabrio umständehalber abzugeben!“, stand da zu lesen und die Begründung folgte auf dem Fuß. „Ich bin jetzt schon 9 Jahre.“

Sogar ein Foto seines einstmals sicher heiß geliebten roten Bobbycars hatte der kleine Verkäufer in die Anzeige gestellt, seine Telefonnummer und den Preis (5 Euro) ebenso. Überhaupt waren die vielen Kinder und Jugendlichen, die sich für den Tagesspiegel interessierten, eine der Überraschungen an diesem Sonnabend: Man kam größtenteils in Familie und fühlte sich offensichtlich auch als Teil der von den Chefredakteuren Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt begrüßten Tagesspiegel-Familie.

In der man sich, wenn es sein muss, hart kritisiert, aber letztlich doch zusammenhält.

Und so lächelten die Besucher denn auch nachsichtig, als die Veranstalter zugaben, mit allem, nur nicht mit Regen gerechnet zu haben. „Die haben wohl ihren eigenen Wetterbericht nicht gelesen“, sagte jemand. „Da stand ja, dass es ab und zu regnen kann“, antwortete seine Nachbarin. „Aber die Frau auf der Bühne – ist das nicht Elisabeth Binder?“

Sehen Sie hier die Bilder von unserem Tag der offenen Tür 2012:

Den Redakteuren, die sie nur aus ihrer Zeitung kennen, zu begegnen, war für viele Leser ein Motiv für den Besuch am Askanischen Platz. Tatsächlich stand Elisabeth Binder zu Beginn allein und verloren auf der Bühne, einziges Mitglied des Tagesspiegel-Chors, das es noch vor Beginn des Regens dorthin geschafft hatte. Der Chor war erst kürzlich gegründet worden, der Auftritt sein allererster überhaupt, eine öffentliche Premiere, und dann ging zunächst einmal alles schief: Es regnete stark, der Strom und damit die Mikrofone fielen völlig und das Klavier zeitweilig aus und die singenden Redakteure waren aufgeregter als bei Interviews mit Präsidenten und Prominenten.

Das merkt man ihnen gar nicht an“, sagten Waltraud und Bernd Hillger aus Lichtenrade. „Sieht eher aus, als ob sie Spaß haben. Und klingt auch gut. Die sollten weitermachen.“ Die Hillgers lesen seit vielen Jahren den Tagesspiegel und zu kritisieren haben sie eigentlich nur, dass man ihn nicht überall bekommt. „In New York ist er einfach nicht zu kriegen“, sagt Bernd Hillger. „Aber man hat mir erklärt, dass das eine Kostenfrage ist.“

Das Publikum im Tagesspiegel-Hof applaudierte jedenfalls dem frischgebackenen Chor freundlich und Michael Hoffmann hob beide Daumen. „Meine Freundin übt seit Wochen zu Hause“, sagte er: Sie hatte schreckliches Lampenfieber.“

Davon ist auch Harald Martenstein nicht frei – obwohl seine Premiere als lesender Autor schon 1999 in der „Bar jeder Vernunft“ stattfand. „Irgendwie hat man ja Verantwortung gegenüber den Menschen, die da kommen“, sagte er. Und es kamen viel mehr, als der größte Raum A fassen konnte. Manche standen eine ganze Stunde. Andere, wie Ingeborg Hebel und ihre Freundin, blieben die nächsten vier Stunden einfach sitzen, erlebten nach Martenstein den Amerika-Korrespondenten Christoph von Marschall, die Kolumnistin Hatice Akyün und den Schauspieler Ulrich Matthes.

Seinetwegen ist auch Cornelia Weyhmann aus Schöneberg gekommen. Die 56-Jährige füllt vor der Rotunde, in der gerade Tagesspiegel-Redakteur Thomas Lackmann über die Berliner Zeitungsgeschichte plaudert, die Postkarte für das Leserquiz aus. „Ulrich Matthes war auf meiner Schule“, sagt sie. „Und sein Vater Günter, der ja viele Jahre lang als Redaktionsleiter beim Tagesspiegel arbeitete, war mit meinen Eltern gut befreundet. Ich bin schon von daher mit dem Tagesspiegel aufgewachsen.“

Inzwischen lese sie den allerdings meist als E-Paper, erzählt Cornelia Weyhmann und geht mit ihrem 18-jährigen Sohn Alexander Landgrebe erst einmal in die Online-Redaktion. Sie hat schon erlebt, dass Leserkommentare von ihr nicht freigeschaltet wurden, weil sie vielleicht etwas zu frech waren. Jetzt will sie nachfragen, was die Kriterien sind. Wie sie nehmen die Leser ihren Tagesspiegel ganz selbstverständlich in Besitz: die Innenhöfe, die Räume, die langen Flure, in denen viele Titelseiten hängen. „Bis auf die erste von 1946 habe ich sie alle“, sagt ein Leser namens Heinz Lompe stolz.

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