Berlin : TAGEBUCH

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. „Traumhaft geht der Wirbel des Packens, Schleppens, Organisierens vorüber. Innerlich ist man ganz leer, ganz gefühllos. An Schlaf nicht zu denken. (…) Britischer Offizier, intelligent, souverän, sehr gut deutsch sprechend, leitet die Versammlung. Neben ihm ein blutjunger Colonel, stur, blond, ernst, mit der typisch angelsächsischen Oberlippe. Beide haben Listen vor sich, lesen daraus die Bedingungen ab, unter denen wir räumen müssen. Daß keine Möbel mitgenommen werden dürfen, keine Bettstellen, Radioapparate, Lampen, Teppiche, Bücher, Noten; Termin: morgen früh um 10 Uhr Schlüsselabgabe. Und daß wir künftig nicht mehr ins Haus dürfen, auch nicht ausnahmsweise. Die Engländer sind höflich, bestimmt und vollkommen unpersönlich. Ausführende Organe, wie der Offizier sagt. Und er fügt hinzu: „Die Offiziere der britischen Armee sind keine Rowdies. Sie werden Ihre Wohnung in tadellosem Zustand wiedererhalten, wenn wir ausziehen.“ Wenn. Immerhin. (…) 1. August. In Charlottenburg gehen die Beschlagnahmen ganzer Häuserblocks und Straßenzüge weiter. Hunderte, vielleicht Tausende von Menschen sind plötzlich ohne Möbel, Betten, Herde. Keiner fragt, wohin sie gehen, wer sie aufnimmt, wie sie weiterexistieren. Aber rätselhafterweise geht es irgendwie. Man hört von keinem, der nachts im Freien geblieben wäre. Und doch sind diese schlagartigen Erfassungen beunruhigend und schaffen eine neue Art von Unsicherheit; die andere, die russische, kannte man schon etwas. Diese ist präziser, bürokratischer, aber auch nicht gerade angenehm.“

(Aus dem Tagebuch der Autorin Karla Höcker, im Katalog zur Ausstellung „Berlin 1945“ der Stiftung Topographie des Terrors, die noch bis zum 2. Oktober in der Zitadelle Spandau zu sehen ist)

Russen gegen Amerikaner . „Es gibt natürlich schon viele Geschichten von Zusammenstößen zwischen Russen und Amerikanern. (…) In der Königstraße in Wannsee radelte eine Frau; es kam ein Russe, hielt in einiger Entfernung. Als der Russe das Rad hatte und die Frau weinend zurückgeblieben war, setzte sich der Amerikaner in Bewegung, befragte die Frau und sagte: „Einsteigen“, verfolgte den Russen, der behauptete, das Rad gehöre ihm, befahl ihm auch einzusteigen und fuhr dann zur amerikanischen Kommandantur. (…) Nachdem sich eine Reihe solcher Zwischenfälle ereignet hatte, bekamen die Amerikaner und Engländer den strengen Befehl, sich nicht mit den Russen einzulassen.“

(Aus Margret Boveri: „Tage des Überlebens. Berlin 1945“, Verlag Wolf Jobst Siedler 2004)

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