Tagesspiegel-Salon : Prosinger diskutiert: Ein Mann plant seinen Tod

Freitod? Sterbehilfe? Ein heikles Thema. Das Niveau der Debatte in Deutschland sei grauenhaft, sagt Wolfgang Prosinger. Er las aus seinem Buch, das einen realen Mann mit dem fiktiven Namen Ulrich Tanner bis zum Freitod begleitet.

Udo Badelt
Prosinger
Wolfgang Prosinger. -Foto: Jung-Wolff

Wärme im Palais: Draußen setzt die Natur schon den Ton. Es ist dunkel und dichter Schneeregen fällt seit Stunden auf Dächer und Bäume. Winter, Kälte allerorten. Dann betritt man das weihnachtlich dekorierte Löwenpalais – und Wärme macht sich breit. Kerzenlicht verschönert den gut gefüllten Saal. Und auch die beiden Tagesspiegel-Redakteure Norbert Thomma und Wolfgang Prosinger auf dem Podium lockern die Stimmung in entspannte Gelöstheit auf. Das ist auch nötig, denn im Tagesspiegel-Salon geht es diesmal um Grundsätzliches: Um Sterbehilfe und um einen realen Mann mit dem fiktiven Namen Ulrich Tanner, der Parkinson, Krebs und Aids zugleich hat. Wolfgang Prosinger hat ihn in den letzen Monaten seines Lebens begleitet, bevor Tanner in der Schweiz mit einem Schluck Natrium-Pentobarbital sein Leben und alle Schmerzen beendete. Jetzt liest Prosinger, der im Tagesspiegel die Seite 3 leitet, mit ruhiger, aber fester Stimme aus seinem gerade erschienenen Buch „Tanner geht. Sterbehilfe – ein Mann plant seinen Tod“. Und erzählt, dass ihn die Frage nach der Selbst- oder Fremdbestimmung des Menschen schon lange beschäftigt. Das Niveau der Debatte in Deutschland sei grauenhaft, sagt er. „Selbst die Kanzlerin und manche Richter können nicht zwischen begleitetem Freitod und aktiver Sterbehilfe unterscheiden.“

Die Besucher hören zu, wollen mehr wissen zu der umstrittenen Schweizer Sterbehilfe-Organisation „Dignitas“, bei der auch Tanner Mitglied war. Eine Besucherin arbeitet ehrenamtlich in einem Schöneberger Sterbehospiz, eine andere ist gekommen, weil die Pflegesituation in Deutschland immer schlimmer werde. „Sollte es auch mich einmal treffen“, sagt sie, „dann hätte ich gerne die Mittel, mein Leben selbst zu beenden.“ Dann ist erst einmal der Abend beendet. Draußen schneit es immer noch.

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