• Tagesspiegel-Serie "20 Wende-Geschichten": Vor dem Klassenzimmer lag der Todesstreifen

Tagesspiegel-Serie "20 Wende-Geschichten" : Vor dem Klassenzimmer lag der Todesstreifen

Aus der DDR weggehen wollte Susan Bandar nie – bis ein Schicksalsschlag sie 1987 zur Ausreise über den Libanon zwang. Ihr Sohn Aziz hätte dieses Land gerne einmal kennengelernt, in dem seine Mutter ihre Jugend verbrachte.

von
Über die Mauer hinweg. Von Ost-Berlin in den Libanon, um nach West-Berlin zu gelangen - so kompliziert konnte es damals zugehen in der geteilten Stadt, erfuhr der elfjährige Aziz von seiner Mutter Susan Bandar, Heute wohnt die Familie in Wilmersdorf.
Über die Mauer hinweg. Von Ost-Berlin in den Libanon, um nach West-Berlin zu gelangen - so kompliziert konnte es damals zugehen in...Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Für meine Muter war es ein historischer Tag, weil sie 1987 über ein Drittland ausgereist ist, und so war es ihr möglich, von Ost nach West und von West nach Ost zu gehen.“ Aus dem Aufsatz von Aziz

Wenn Susan Bandar sich an die Berliner Mauer erinnert, denkt sie automatisch an ihre Schulzeit. Denn die Schule, die die 51-Jährige zwischen 1969 und 1979 besuchte, stand direkt an dem Stück Mauer, das die Bezirke Neukölln und Treptow trennte; mitten in der Wildenbruchstraße. Die Schule, damals die 2. Oberschule, war das letzte Gebäude auf der Ostseite der Mauer. Sie bildete mit der Mauer die Grenze zum Westen. „Vom Fenster aus konnten wir in den Westen gucken“, sagt Bandar, die heute ihrem 11-jährigen Sohn Aziz diesen Ort aus ihrer Vergangenheit zeigt. Wo heute der Supermarkt ist, so erklärt sie ihrem Sohn, war früher der Todesstreifen.

Aus Bandar sprudeln die Erinnerungen nur so heraus: Das Gebäude war damals ganz grau, davor war ein Sandweg. Ein Hund hatte unter der Mauer ein Loch gegraben. „Wir haben ihn immer mit unseren Schulbroten gefüttert“, erinnert sich die Frau. „Und hättest du nicht auch einfach ein Loch buddeln können und fliehen können?“, fragt Aziz lässig und grinst. Bandar versteht die Anspielung ihres Sohnes. Aus der Nachbarschaft seien einmal mehrere Leute geflüchtet, mit Helfern im Westen, die ein Seil gespannt hatten. Schüsse hätte man in der Nacht gehört. Doch sie selbst habe nie den Wunsch gespürt, in den Westen zu fliehen. „Die DDR war nun mal unser Land“, sagt sie. Sicher wäre auch sie gerne mehr verreist. Dennoch: Woanders leben wollte sie nie. Dass dann doch alles anders kam, war einem traurigem Schicksalsschlag geschuldet.

Sommer 1986. Unter den Linden lernten sich Susan Bandar und ihr Mann kennen. Das Hochzeitsfoto wurde deshalb am Pariser Platz gemacht. Damals lag das Brandenburger Tor unerreichbar im Sperrgebiet.
Sommer 1986. Unter den Linden lernten sich Susan Bandar und ihr Mann kennen. Das Hochzeitsfoto wurde deshalb am Pariser Platz...Foto: privat

Von Aziz’ Klassenkameraden aus der Johann-Peter-Hebel Grundschule in Wilmersdorf haben alle Eltern eine Westvergangenheit. So waren seine Mitschüler samt Lehrerin schwer beeindruckt, als Aziz ihnen seinen Aufsatz vorlas. 1985 hatte Susan Bandar ihren Mann, der aus dem Libanon stammt, geheiratet. Kennengelernt hatten sie sich während eines Einkaufsbummels auf der Straße Unter den Linden. Er arbeitete in Ost-Berlin für die Spanische Botschaft.

„Es ging mir nur um meinen Sohn“

Mit ihrem ersten Sohn meinte es das Schicksal nicht gut. Im Alter von drei Monaten erkrankte er schwer und lag auf der Säuglingsintensivstation der Charité im Koma. „Dass er überhaupt wieder aufwachte, glich einem Wunder“, sagt Bandar. Sein Gehirn erlitt schwere Schäden. Im Westen erhofften sie sich für ihren schwerbehinderten Sohn eine bessere Versorgung. 1987 stellte die Familie deshalb einen Ausreiseantrag für den Libanon. „Es war einfacher, über ein Drittland auszureisen, als direkt in die Bundesrepublik“, sagt Bandar.

Doch West-Berlin war das Ziel. Im Libanon verbrachten sie nur wenige Wochen, um von dort weiterzureisen. Aus eigenen Motiven hätte sie die DDR nicht verlassen. „Es ging mir nur um meinen Sohn“, sagt Bandar. Im Westen war vor allem das Betreuungsangebot für geistig Behinderte besser. Da sie offiziell nicht in die Bundesrepublik ausgereist waren, sondern in ein Drittland ausgewandert, durften sie im Gegensatz zu Republikflüchtlingen sogar die DDR besuchen, ohne Angst, verhaftet zu werden.

Am Tag des Mauerfalls lebte die Familie Bandar schon seit zwei Jahren im Westen. „Meine Mutter rief mich am Abend aus Ost-Berlin an und sagte, die Mauer ist gefallen.“ Kurz darauf standen ihre Eltern bei ihr in der Wohnung in Wilmersdorf. Die Freude war groß. Ihre Eltern zogen später noch zum Kurfürstendamm. Die junge Mutter blieb daheim, sie musste auf ihre Kinder aufpassen.

Von der Stasi intensiv beschattet

Ihr halbes Leben hat Susan Bandar in der DDR verbracht. Als die Mauer gebaut wurde, war sie zwei Jahre alt. Wenn sie ihren fünf Kindern von ihrer Jugend erzählt, dann geht es auch immer um die DDR. Aziz hätte gerne dieses Land kennengelernt, in dem die Brötchen selbst gebacken wurden und nur wenige Pfennige kosteten. Überhaupt dieses DDR-Geld, das ihm seine Mutter gezeigt hat, gefalle ihm deutlich besser als die heutigen Euro-Scheine. „Es gibt viel mehr Gesichter und es ist bunter“, erklärt Aziz. Durch ihren Mann, der als Libanese viel reisen konnte, genoss Susan Bandar im Osten einige Privilegien. Sie hatte Zugang zu bestimmten Waren und Westprodukten, wie Kaffee und Kleidung.

Eine Zeitreise am Mauerstreifen
Und auch auf der anderen Seite will man sich diese besonderen Einblicke nicht entgehen lassen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Joachim Schörbach
19.03.2014 14:02Und auch auf der anderen Seite will man sich diese besonderen Einblicke nicht entgehen lassen.

Dennoch spürte sie die Härte des Systems. „Überall gab es Spitzel. Man musste sich mit Äußerungen zurückhalten.“ In den Monaten vor ihrer Hochzeit wurde das Paar intensiv von der Stasi beschattet. „Es hätte ja auch eine Scheinehe sein können“, sagt Bandar. Die Beamten der Staatssicherheit gingen dabei bewusst oder unbewusst sehr auffällig vor. „Es waren häufig zwei Männer, die uns beim Spazierengehen verfolgten, uns in leeren Straßenzügen oder im Treppenhaus entgegenkamen.“ Auch wenn das Telefon abgehört wurde, bekamen sie dies durch ein lautes Klicken mit. Mehrmals hätten die Beamten auch im Auto vor ihrer Tür übernachtet. „Ich habe sie schlafen sehen mit ihrer Teekanne“, sagt Bandar. Sie lacht, denn sie hatte nichts zu befürchten. Doch das sind genau die Gründe, warum sie froh ist, dass ihre Kinder im wiedervereinigten Deutschland aufwachsen dürfen.

20 Wende-Geschichten bietet unsere Serie mit Aufsätzen von Berliner Schülerinnen und Schülern. Jeden Tag lassen wir Kinder berichten, was ihre Familien am 9. November 1989 erlebt haben. Die vollständigen Aufsätze finden Sie unter www.tagesspiegel.de/Aufsatz-Wettbewerb.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben