Tagesspiegel-Umlandserie (4) : In Bernau wird der Pendler sesshaft

Bernau bei Berlin trägt die Nähe zur Hauptstadt zwar schon im Namen, doch die wachsende Kleinstadt setzt auf Eigenständigkeit.

An der Mauer. Große Teile des historischen Bauwerks um die Bernauer Altstadt sind noch erhalten.
An der Mauer. Große Teile des historischen Bauwerks um die Bernauer Altstadt sind noch erhalten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Will man wissen, wie es Bernau geht, muss man nur den Blick nach oben richten. Egal, wo man in Stadt steht, kann man sie sehen. Die Baukräne. Bernau wächst. Jedes Jahr ziehen rund 600 Menschen hierher. 2015 zählte die Stadt erstmals mehr als 40 000 Einwohner. Den Hauptgrund für das rasante Wachstum kann man im vollständigen Stadtnamen ablesen: Bernau bei Berlin. Tatsächlich sind es nur etwa sieben Kilometer bis zur Stadt- und Landesgrenze. Die S-Bahn-Linie 2 fährt alle 20 Minuten, das Brandenburger Tor ist in 40 Minuten erreicht. Für Pendler ideal. Wie kaum eine andere Kommune profitiert die Stadt von der wachsenden Metropole. Doch genau von der will sich Bernau emanzipieren.

Bernau erlebt goldene Zeiten

Beim traditionellen Wirtschaftsempfang der Stadt Anfang Juni, zu dem 200 Unternehmer aus Bernau in die Stadthalle geladen sind, ist die Stimmung ausgelassen. Am Eingang steht ein Glücksrad, eine Band covert die Beatles, „Come Together“ – und genau darum geht es: Kontakte knüpfen, zusammenkommen, sich austauschen. Am Buffet gibt es Antipasti, Spargel und Burgunderbraten. Der Stadt geht es gut. Seit der Wende wächst Bernau kontinuierlich, man ist schuldenfrei, die Steuereinnahmen steigen und die Arbeitslosigkeit ist auf unter fünf Prozent gefallen – 1997 war noch jeder Fünfte ohne Job.

Man erlebe einen „beispiellosen Boom“ und lebe in „goldenen Zeiten“, sagt Bürgermeister André Stahl (Linke) auf dem Empfang, der unter dem Motto „Investitionen“ stattfindet. Die Stadt macht es vor: Neue Kitas entstehen, das Krankenhaus wird erweitert, der ÖPNV wird ausgebaut und im großen Stil werden öffentliche Wohnungen gebaut. Der Mietpreis liegt bei sieben bis acht Euro pro Quadratmeter. Stahl fürchtet bei so viel Aufschwung inzwischen einen Fachkräftemangel. Berlin erwähnt er in seiner Rede nur einmal: „Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es gut, wenn die Leute weniger oft nach Berlin fahren.“

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1 von 7Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Pendeln ist längst kein Muss mehr

Stahls Plan ist simpel: je attraktiver die Stadt, desto weniger Pendler und desto mehr Kaufkraft in Bernau. Je mehr Arbeitsplätze in der Stadt, desto höher die Steuereinnahmen. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie alle ein großes Stück vom Kuchen abbekommen“, sagt Stahl vor den Wirtschaftsleuten. Tatsächlich scheint sich Stahls Vision zu realisieren. „Es ziehen viele junge Familien mit Job in Berlin nach Bernau, wenig später schauen sie sich dann nach einer Tätigkeit hier um“, sagt Stahl nach seiner Rede und steckt sich einen Zigarillo an.

Einer von diesen Zuzüglern ist René Schneider. Vor zehn Jahren zog er aus Berlin nach Bernau und eröffnete im Stadtteil Schönow als eigenständiger Filialleiter einen Rewe-Supermarkt. Weil sich der 38-Jährige ehrenamtlich engagiert und lokale Fußball- und Volleyballmannschaften sponsert, wird er beim Wirtschaftsempfang mit der Ehrenmedaille der Stadt gewürdigt. „Er lebt den Stadtteil“, sagt Bürgermeister Stahl. „Hätte mir vor zehn Jahren einer gesagt, dass ich Ehrenbürger in Bernau werde, hätte ich ihn für geisteskrank erklärt“, sagt Schneider. Sein Supermarkt, aber auch er persönlich seien gut aufgenommen worden, berichtet er. „Man geht hier nicht zu Rewe, man geht zu Herrn Schneider – das ist das Charmante“, sagt er. Nach Berlin fährt er inzwischen nur noch selten.

Die Stadtmauer kann viel aushalten

Für Bürgermeister Stahl sind solche Aussagen wenig verwunderlich. „Man kann sich einfach mit der Stadt identifizieren“, sagt er und verweist auf den kleinstädtischen Charakter und die Geschichte Bernaus. Die reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Berlin wurde erst einige Jahrzehnte später erstmals urkundlich erwähnt. Besonders eingeprägt hat sich im Bernauer Selbstverständnis das Jahr 1432, als plündernde Hussiten, Anhänger des böhmischen Reformators Jan Hus, vor den Stadttoren aufzogen und die Stadt belagerten. Doch die Bernauer, so die Überlieferung, kämpften tapfer und konnten sich auf ihre dicken Stadtmauern verlassen.

Die Stadtmauer gibt es auch 585 Jahre später noch, und der erfolglosen Belagerung wird jährlich beim dreitägigen Hussitenfest gedacht. Es gibt einen historischen Umzug, einen Mittelaltermarkt, und in einem großen Freiluft-Theaterstück wird die historische Schlacht nachgestellt. Dazu werden Holzofenbrot und Honig-Met verkauft. Es ist Geschichte zum Anfassen, und es gibt den Menschen die Möglichkeit, sich mit der Stadt zu identifizieren.

Panzerkaserne Bernau
Alte Kasernen, in denen die Zeit seit mehr als 20 Jahren stehengeblieben ist. In Bernau, nördlich von Berlin, liegt am südlichen Rand der Stadt ein riesiges Sperrgebiet. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Ruinenfotos aus Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: Eva CarracedoWeitere Bilder anzeigen
1 von 517Eva Carracedo
13.05.2016 08:06Alte Kasernen, in denen die Zeit seit mehr als 20 Jahren stehengeblieben ist. In Bernau, nördlich von Berlin, liegt am südlichen...

Bernau kann auch Bier

Eine Gruppe Bernauer, die sich besonders mit ihrer Stadtgeschichte identifiziert haben, steht am Rande des Festgeländes. An ihrem Stand läuft Volksmusik, dazu wird Bier ausgeschenkt. Für sein Bier war Bernau einst bekannt. Im Mittelalter wurde in fast jedem zweiten Haus gebraut, das Bier – vor allem das dunkle – war weit über die Stadtgrenzen bekannt. Die Tradition ist jedoch verloren gegangen, zuletzt gab es keine Brauerei mehr in Bernau. „Das wollten wir ändern“, sagt Ruslan Hofmann, der das Bier zapft.

Der gelernte Brauer wollte sich nicht damit abfinden, dass Bernaus Bierkultur verloren ging und gründete mit ein paar Freunden vor einem Jahr die „Erste Bernauer Braugenossenschaft“. Über 300 Mitglieder gibt es inzwischen, darunter auch Bürgermeister Stahl. „Wir verdienen damit kein Geld – das ist reine Lokalfolklore“, sagt Hofmann und zeigt auf eine Bierflasche. Darauf sind verschiedene Denkmäler der Stadt mit Begleittext abgedruckt.

An vielen Stellen ist zu sehen, dass die Kommune wächst.
An vielen Stellen ist zu sehen, dass die Kommune wächst.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Einer Frau am Stand gefällt genau dieser Lokalpatriotismus. Vor acht Monaten ist sie aus Marzahn nach Bernau gezogen. Warum? „Wegen Berlin“, sagt sie und lacht. Die Entscheidung bereue sie nicht, fügt sie hinzu und nimmt einen Schluck Bier: „Ich bin jetzt Bernauerin.“

Berlin wächst über sich hinaus – und mit dem Umland zusammen. In unserer Serie stellen wir acht Orte und Regionen vor, die von der wachsenden Metropole profitieren. Welche Chancen eröffnen sich, und welche Herausforderungen stellen sich? Wer bietet mehr: neue Wohnungen, Kitas und Schulen, Lebensqualität, kurze Wege nach Berlin. Unsere Reise führt einmal rund um die Hauptstadt. Nächste Folge: Falkensee. Davor: Potsdam.

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