Berlin : "Tageszeitung": Prosa bis zum Bohnenerweichen

Bernd Matthies

Klein und tapfer ist sie, die "Tageszeitung", und deshalb helfen ihr alle gern beim Überleben. "Wenn ihr 50 000 Abonnements schafft", so hat der Stuttgarter Küchenchef und Querdenker und Autor und Flötenspieler Vincent Klink vor kurzem verkündet, "dann komme ich und koche für euch Suppe". Zwar waren es am Montag abend erst exakt 48 848, aber Klink kam trotzdem, wäre ja auch schade gewesen um den ordentlich geplanten Termin. Und wenn er kommt, dann ist auch sein Freund, der wild um sich schreibende Rüschenhemdträger Wiglaf Droste, nicht weit, der wiederum garantiert das clever-minimalistische "Spardosenterzett" mitbringt - und damit stand ganz von selbst das Programm für ein taz-Suppenfest, das die "Bar Jeder Vernunft" mit Unterstützern leidlich zu füllen vermochte. An die Töpfe!

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Doch auch Unterstützer haben es nicht leicht bei der taz. Hans-Olaf Henkel zum Beispiel, vom hauseigenen Protokoll am kleinen Prominenten-Tisch gleich neben Klaus Staeck platziert, musste sich kurz nach dem Essen eine schwer entgleiste Tötungspantasie aus Drostes Eingemachtem vorlesen lassen, einen Text bar jeder Vernunft. Wusste der Verfasser, dass Henkel anwesend war? Während die Gäste vorübergehend im Kälteschock erstarrten, amüsierte sich der verbal ums Leben Gebrachte sichtlich. Oder sagen wir: Er versuchte, den Anschein großer, souveräner Heiterkeit zu erwecken.

Gut, dass die Suppe schon gegessen war. Mexikanische Bohnensuppe, schön scharf und ganz vegetarisch - und insofern ein passendes Gegenstück zur drastischen Schilderung eines Schlachtefestes auf dem Hohenlohischen, mit der Vincent Klink die Wartezeit bis zum Bohnenerweichen überbrückte. Der gute Mensch von der Wielandshöhe ist eine Art Wanderprediger in Sachen industriefreier Ernährung, der immer so schön ungelenk auf der Bühne steht in seiner aufs Äußerste gespannten Kochjacke, und der schon deshalb alle Sympathien auf sich vereint.

Er würde natürlich nie jemanden umbringen, nicht einmal verbal, und auch seine Prosa verströmt beim Publikum eine gewisse lebenserhaltende Bodenständigkeit. Sein Kochen sowieso: Extra wegen dieser relativ banalen Suppe hätte er ja nun nicht nach Berlin kommen müssen, also packte er flugs auch seine eigene Querflöte aus, tirilierte girlandenförmig zum Minimal-Jazz der Spardosen und brummte ein paar heiter-melancholische Weisheiten drauf über Essen, Älterwerden und all die anderen Probleme mit den Frauen.

Dass Klink, der Frischwaren-Fetischist, nun erstmals auch für den Inhalt einer Dose verantwortlich ist, mag als Widerspruch erscheinen, ist aber keiner. Seine "Tagessuppe", eben jene mexikanische, enthält nur ökologisch unbedenkliche Zutaten, und sie ist entstanden, um jeglichem neuen taz-Abonnenten als Appetitanreger zu dienen. Die Dose öffnen, den Inhalt erhitzen und essen kann praktisch jeder auch ohne die Anwesenheit eines Michelin-besternten Kochs; der suppentypisch wärmende Effekt ist garantiert, auch wenn der Schärfegrad der Dosensuppe etwas geringer ausfällt als bei der exaltierten Fest-Suppe (Klink: "Ich glaube, mir ist da ein wenig zu viel Chili hineingeraten").

Musikvorschlag: "Hotel California" in der Originalversion von Jürgen Drews. Das passt sehr gut zusammen - Droste und seine Mannen haben es am Montagabend vor der versammelten Feiergemeinde ausprobiert, und zwar, ohne noch irgend jemanden zu beleidigen. Außer Jürgen Drews jedenfalls.

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