Berlin : Tatort Oranienburger

Der neue Bosetzky erzählt vom Bau der Synagoge

Claudia Keller

Ihre goldene Kuppel überragt immer noch Berlins Dächer, die orientalische Anmutung zieht neugierige Blicke auf sich. Als die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde, zählte die Jüdische Gemeinde in Berlin 25 000 Mitglieder und wuchs ständig – wie heute vor allem wegen der Zuwanderer aus Osteuropa. Das neue Gotteshaus sollte repräsentativer und schöner sein als jede andere Synagoge in Europa. Zur feierlichen Einweihung im September 1866 kam selbst Bismarck. Eduard Knoblauch aber, der Architekt, der sie entworfen hatte, erlebte die Einweihung nicht mehr. Drei Jahre zuvor war er in eine Heilanstalt eingeliefert worden, daraufhin übernahm Friedrich August Stüler die Ausführung der Bauarbeiten. So weit die Realität, wie sie uns überliefert ist.

Krimi-Autor Horst Bosetzky fabuliert in seinem neuesten Roman „Das Duell des Herrn Silberstein“ noch einige weitere Architekten hinzu, die den lukrativen Bauauftrag gerne gehabt hätten und dafür möglicherweise einen Mord in Kauf genommen haben. Gut vorstellbar bei einem solchen Prestigeprojekt. In der Fiktion kommen sich dabei jüdische und nicht-jüdische Baumeister in die Quere, liberale und orthodoxe Juden, kaisertreue Väter und revolutionstrunkene Söhne. Bosetzky würzt das Ganze mit mehreren Prisen Gefühl: Da verliebt sich der jüdische Architektensohn in die Tochter des christlichen Unternehmers, der atheistische Freidenker in die Tochter des jüdischen Geldleihers. Das alles könnte sehr spannend sein.

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Allein die Ausführung beginnt einen spätestens nach 100 der 351 Seiten zu langweilen. Natürlich kann nicht jeder wie ein Marcel Proust ein Gesellschaftspanorama des 19. Jahrhundert entwerfen, so dass man mittendrin sitzt im Salon. Aber den Zeithorizont aufzureißen, indem man Namen historischer Persönlichkeiten auflistet, reicht eben auch nicht. Nun gut, die Namenslisten stehen nicht ganz nackt da, sondern werden eingebunden etwa in die Schilderung, wer bei einem Salon anwesend ist, oder indem eine Romanfigur darüber nachsinnt, über welchen Zeitgenossen ein Buch zu schreiben sich lohnen würde. Dennoch ist das zu wenig. Zu sehr scheint auch Bosetzkys Bemühen durch, uns Lesern einen Grundkurs „Einführung in die jüdische Geschichte und in jüdische Bräuche“ geben zu wollen. Das ist zwar ein löbliches Anliegen, aber wenn beim Pessachfest der Sinn jedes einzelnen Bitterkräutleins aufgezählt wird, hemmt das den Erzählfluss. Zudem ist bei aller Volkshochschule leider die Ausgestaltung der Charaktere auf der Strecke geblieben, sie wirken hölzern und leblos. Aber zumindest freut man sich, wenn die Erzählung über bekannte Berliner Straßen und Plätze führt, die man noch heute auf dem Stadtplan findet. Das aber ist wohl die Minimalanforderung an jeden historischen Roman.

— Horst Bosetzky : Das Duell des Herrn Silberstein. Jaron Verlag, Berlin. 352 Seiten, 19,90 Euro.

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