Berlin : Tatort Tipi

Vom Filmset auf die Bühne: Schauspielerin Andrea Sawatzki singt jetzt auch. Jedes Lied hat für sie eine private Geschichte. „Mackie Messer“ versprach sie ihrem Mann zur Hochzeit.

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Im Reich der Tasten. „Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau’n“ – so hieß es einst in einem Schlager, den aber Andrea Sawatzki und Adam Benzwi ganz bestimmt nicht in ihrem Repertoire haben. Foto: Ole Spata/dpa
Im Reich der Tasten. „Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau’n“ – so hieß es einst in einem...Foto: dpa

Die Frau Sawatzki ist nicht gerade das, was man eine Plaudertasche nennt. Trotz der professionellen Höflichkeit, trotz des Mundes, der breiter als der von Julia Roberts lächelt – der Blick unter den schweren, lavendelfarbenen Lidern ist beim Gespräch stets entweder verblüfft oder streng, je nach Frage. Dieses Talent zur Distanz konnte man gerade auch im Fernsehen beobachten, als sie zu Gast in Jörg Thadeuszs Talkshow war. Sie scheint nicht wirklich scharf zu sein auf Interviews, dummerweise führt sie viele. Besonders jetzt, da Andrea Sawatzki mit ihrem ersten Gesangsprogramm debütiert.

„Das ist schon eine Mutprobe“, sagt die 49 Jahre alte, mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Ex-Tatort-Kommissarin, die in Film, Fernsehen und „Playboy“ erst groß raus kam, als sie schon um die 40 war. Dass viele Leute sie aus dem Fernsehen kennen, sei diesmal aber eher hinderlich. Die sagten dann bloß: Ach Gott, jetzt singt sie auch noch! Dabei ist Gesang Pflichtfach bei der Schauspielausbildung, sagt Sawatzki kopfschüttelnd. Und nach einer Schweigeminute setzt sie noch nach: „Jedenfalls verstehe ich die Kollegen jetzt, die sich vor mir darin versuchten. Singen ist wie eine Droge.“

Sawatzki anschauen auch. Diese Sommersprossen, das hellrote Haar, die Gazellengestalt, das viel gepriesene Renaissance-Gesicht. All das nimmt sich beim Singen in langer blaugrauer Robe vor dem goldenen Vorhang auf der Bühne so außergewöhnlich aus wie später in Straßenkleidung am Tisch der Tipi-Lounge. Doch schweigen und schauen hilft nichts, gefragt und geredet muss werden.

Ob sie immer noch mit ihrem Mann Christian Berkel, zwei Söhnen und drei Hunden am Schlachtensee lebt, wie überall zu lesen steht? „Und mit zwei Hamstern!“, ergänzt sie und lacht endlich mal. Seit 13 Jahren lebt sie dort. Vorher hat die 1994 für Seriendrehs nach Berlin gezogene Bayerin mal in Schöneberg, mal in Prenzlauer Berg gewohnt. Der Familie wegen ging’s dann ins Grüne, Ruhige.

Wie das mit dem Singen kam, braucht man nur noch der Ordnung halber zu fragen. Die Info ist überall rum. Bräutigam Berkel hatte sich zur Hochzeit im Vorjahr als Geschenk von Andrea Sawatzki den Mackie-Messer-Song gewünscht. „Danach musste ich ihm versprechen, weiter zu singen.“ Allerdings ohne den Coach der ersten Stunde. Beim Einstudieren von „Mackie Messer“ hat ihr kein Geringerer als Bariton Thomas Quasthoff geholfen. „Ein guter Freund und Nachbar von uns.“ Glückliches Schlachtensee.

Lutz Deisinger, künstlerischer Leiter des Tipis, hat ihr dann einen anderen vermittelt, mehr als bewährten Musiker denn als Unterstützer: Adam Benzwi, den Leiter des Studiengangs Musical/Show an der Universität der Künste. Der hat am Piano schon Sängerinnen wie Angelika Winkler, Judy Winter, Gisela May oder Desirée Nick begleitet und gemeinsam mit Sawatzki Lieder für das Programm „Irgendwas ist immer, mal zum Lachen, mal zum Weinen“ ausgesucht. Außer dem Mikro sind er und sein Piano das einzige, was Sawatzki auf der Bühne Gesellschaft leistet, wo sie bekannte Weisen spricht, singt, schmettert. Darunter Chansons von Kreisler, Hollaender, Brecht und Weill, aber auch Grönemeyers „Männer“, Sondheims „Stunde der Clowns“, Gainsbourgs „Je t’aime“ oder die zur ironischen Überzeichnung zwingend einladende Zarah-Leander-Nummer „Von der Puszta will ich träumen“. „In jedem Lied liegt eine Erinnerung an eine bestimmte Zeit im Leben“, erläutert Sawatzki. Da bietet sich die Nachfrage an, ob sie mal im schönen Ungarland gelebt hat. Nein, rollt sie unwillig mit den Lavendelaugen. Bei diesem Lied stünden einfach Kindheitsbilder vor ihren Augen, Pferde, Wiesen, so was. Ach so meint sie das. Jetzt mal besser nicht nachfragen, wie sich die Stöhnnummer „Je t’aime“ in bestimmte Zeiten des Lebens fügt.

Tipi am Kanzleramt, 6. bis 15. November, Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr, ab 25 Euro

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