Berlin : Tausche Auto gegen BVG-Karte

Wer in Antwerpen seinen Pkw abgibt, fährt drei Jahre gratis Bus und Bahn. Berlins Verkehrsbetriebe wollen eine solche Aktion aber nicht starten

Klaus Kurpjuweit

Tausche Auto gegen eine Jahreskarte für Fahrten mit Bahnen und Bussen: Was woanders möglich ist, hat in Berlin keine Chance. Die BVG, die S-Bahn und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) lehnen ein solches Angebot an Autofahrer ab. In Antwerpen funktioniert das Modell dagegen schon seit drei Jahren. Weit über 30 000 Menschen haben dort bereits aufs Auto verzichtet und fahren stattdessen nun mit Bahn und Bus.

Drei Jahre lang dürfen die ehemaligen Autobesitzer gratis einsteigen; war das verkaufte oder abgemeldete Auto das einzige in der Familie, erhalten sogar alle Familienmitglieder das Gratis-Abonnement. Weniger als tausend Familien hätten den Versuch abgebrochen und doch wieder ein Auto angeschafft, heißt es in belgischen Zeitungen.

„Wir wollen den Berlinern das Auto nicht abschwatzen“, sagte dazu BVG-Sprecherin Petra Reetz. Es sei „blauäugig“ anzunehmen, dass der öffentliche Nahverkehr in allen Bereichen das Auto schlagen könne, auch wenn das Angebot wie in Berlin sehr gut sei.

Zudem sei ein solches Angebot ungerecht den Kunden gegenüber, die bereits auf ein Auto verzichtet haben oder nie eines hatten. Ähnlich argumentiert der Marketing-Chef der Berliner S-Bahn, Wilfried Kramer. Ein solches Angebot benachteilige die Stammkunden, die Jahr für Jahr ihre Fahrten voll bezahlen. Fast 80 Prozent aller Fahrgäste seien immerhin mit Zeitkarten unterwegs, sagt Wilfried Kramer. Diese Personen müssten eigentlich belohnt werden, argumentiert der Architekt Markus Heller von der Initiative „Autofreies Wohnen“.

Die Stadt Antwerpen habe es auch einfacher, ein solches Angebot zu machen, sagen S-Bahner Kramer und BVG-Sprecherin Reetz übereinstimmend. Die flämische Verkehrsgesellschaft „De Lijn“ verzichte schließlich nur auf 190 Euro im Jahr pro Teilnehmer. In Berlin kostet die Jahreskarte fürs Stadtgebiet und das Umland dagegen 805 Euro. Die Rechnung aus Antwerpen ginge in Berlin deshalb nicht auf. Die Flamen erwarten, dass sich das Gratisangebot bezahlt mache, wenn nach drei Jahren auch nur zehn Prozent der Teilnehmer sich die Jahreskarten dann kaufen.

Bei einem solchen Modell müsse gewährleistet sein, dass die Umsteiger als Dauerkunden gewonnen werden, fordert auch der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Hans-Werner Franz. Aber so viele Umsteiger wie in Antwerpen ließen sich in Berlin wohl kaum gewinnen, sind Kramer und Reetz überzeugt.

Zudem sei es schwierig zu kontrollieren, ob wirklich die ganze Zeit auf ein eigenes Auto verzichtet werde, sagten Kramer, Franz und Reetz weiter. Solche Überwachungen seien nicht die Aufgabe eines Verkehrsbetriebes. Die Bahn hatte 2001 allerdings einmal eine ähnliche Tauschaktion gestartet – mit großem Erfolg. Wer sein Auto abschaffte, erhielt eine Bahncard 100 für ein Jahr im Wert von damals 6500 Mark. 210 Karten hatte die Bahn angeboten, über 900 Autofahrer wollten das Tauschangebot annehmen. Wiederholen will die Bahn das Experiment trotzdem nicht. Nur Markus Heller von der Initiative „Autofreies Wohnen“ meint trotz seiner Bedenken wegen der Gerechtigkeit, dass man das Angebot ausprobieren sollte.

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