Berlin : Teamwork von Muskeln und Nerven

Die Hand kann greifen und empfinden. Ist sie krank, benötigt sie einen Arzt mit Fingerspitzengefühl

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Er blickt konzentriert. Hinweg über seine zusammengekniffenen Daumen und Zeigefinger. Den Mittel-, Ring- und kleinen Finger der rechten Hand krümmt und spreizt er, die drei der Linken halten den Dirigentenstab. Beide Daumenballen aneinandergepresst, zerfurchen Muskeln und Sehnen seine Handinnenflächen.

Ein Zusammenspiel aus 33 Muskeln, 27 Knochen und drei Nervensträngen verleiht den Händen des Dirigenten diese Ausdruckskraft. Gelenke verbinden die Knochen, Muskeln und Sehnen bewegen und stabilisieren sie. Nerven leiten die Tasteindrücke ins Hirn und ins Rückenmark. Dieses Zusammenwirken lässt uns greifen, fühlen und gestikulieren – aber es ist auch sehr verletzlich. Und dann muss der Arzt eingreifen.

Dupuytren-Kontraktur

Am Checkpoint Charlie hebt Ronald Reagan 1982, neben Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt stehend, den Arm zum Gruß in die Kameras der Fotografen. Er streckt die Finger seiner Hand, nur der Ringfinger bleibt gekrümmt – der damalige US-Präsident litt unter der Dupuytren-Kontraktur.

Bei dieser Krankheit verändert sich das die Muskeln und Sehnen umgebende und schützende Bindegewebe der Handinnenfläche. Zu Beginn der Erkrankung wuchern häufig Knoten am Ansatz zum Ring- und kleinen Finger. In späteren Stadien verhärten und schrumpfen die Wucherungen und beugen so einzelne oder mehrere Finger. Oft dauert es Jahre, bis sich die Finger dauerhaft krümmen. Eine Dupuytren-Kontraktur verläuft in schwer vorhersagbaren Schüben. Auch ein Stillstand der Erkrankung ist möglich.

Obwohl seit der Entdeckung durch Guillaume Dupuytren fast 180 Jahre vergangen sind, liegen die Ursachen der nach ihm benannten Kontraktur noch immer im Dunklen. Vier von fünf Erkrankten sind Männer, meist zwischen fünfzig und siebzig Jahren. „Betroffen sind oft Nord- und Mitteleuropäer, Afrikaner und Asiaten kaum“ sagt Jürgen Willebrand, Chefarzt der Handchirurgie im Krankenhaus Waldfriede. Forscher vermuten daher genetische Ursachen.

Die Deutsche Gesellschaft für Handchirurgie rät zu einer Operation, wenn sich die Finger um mindestens dreißig Grad – auf dem Uhrziffernblatt entspricht das dem Winkel von einer Stunde – krümmen. Der Eingriff erfolgt sowohl in Voll- als auch in Teilnarkose. Nachdem der Anästhesist den Patienten ganz oder nur seinen Arm betäubt hat, pressen die Chirurgen mit einer um den Arm gewickelten Gummibinde das Blut aus dem Körperteil. Eine Druckmanschette am Oberarm verhindert, dass das Blut wieder zurückfließt. Wenn der Operateur die Handinnenfläche aufgeschnitten hat, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Mit filigranen Schnitten trennt er zwischen den nah beieinanderliegenden Sehnen, Nerven, Blutgefäßen und Muskeln der Hand gesundes von krankem Gewebe.

Besonders, wenn die Wucherungen Blutgefäße oder Nerven umgeben, sind Verletzungen nicht immer zu vermeiden. Die möglicherweise durch den Eingriff geschädigten Nerven können das Tastempfinden der Hand vorübergehend oder dauerhaft stören. Es kann auch passieren, dass sich Finger oder die ganze Hand wie betäubt anfühlen. Selten treten Lähmungen des Daumenballens auf.

Der Heilungsprozess hängt auch vom Patienten ab. Schon ab dem vierten Tag wird mit der Krankengymnastik begonnen, um erschlaffte Sehnen und Muskeln wieder in Schwung zu bringen.

Waren die Gelenke vor der Operation nicht zu stark beschädigt, ist die Fingerkrümmung danach deutlich geringer. Im Idealfall kann der Patient nach der Operation seine Finger wieder ganz strecken. Jedoch wuchern bei einem Drittel der Operierten an der behandelten Stelle irgendwann erneut Tumore.

Karpaltunnelsyndrom

Entlang des Handgelenks drängen sich in dem sogenannten Karpaltunnel SIEHE GRAFIK]neun Sehnen und der aus dem Rückenmark entspringende Mittelnerv, der Berührungen der Hand dem Gehirn meldet. Wird der Nerv, Mediziner nennen ihn Nervus medianus, gequetscht, schmerzen oder kribbeln Daumen, Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Zudem kann die Hand taub und kraftlos werden, so dass den Patienten ungewollt Gegenstände entgleiten.

Zu Beginn des Karpaltunnelsyndroms treten diese Symptome meist nachts nach Belastungen wie harter körperlicher Arbeit auf. Leidet der Nerv längere Zeit unter der Druckbelastung, zeigen sich die Beschwerden auch ohne konkreten Anlass und oft auch tagsüber. Bei langer Krankheit verkümmert die Muskulatur des Daumenballens, bis er sich nicht mehr zu den Fingern beugen lässt.

Oft drücken chronisch gereizte und angeschwollene Sehnenscheiden auf den Nerv, da der umgebende Karpaltunnel eine Ausdehnung nach außen verhindert. Ein angeborener enger Tunnel begünstigt diesen Prozess. Manchmal schwillt das Gewebe während Schwangerschaften, bei Rheuma oder durch Verletzungen an.

Wenn SIEHE GRAFIK]entzündungshemmende Medikamente/SIEHE GRAFIK] und die Ruhigstellung in einer Schiene nicht mehr wirken, muss die Hand operiert werden, um dem gequetschten Mittelnerv wieder den Raum zu verschaffen, den er benötigt.

Der Eingriff verläuft so: Nachdem der Patient betäubt und das Blut aus Hand und Arm gedrückt wurde, durchtrennt der Chirurg das Bindegewebe des Karpalbandes an der Innenseite des Handgelenks. Das kann er auf zwei Wegen erreichen: Über einen offenen, drei Zentimeter langen Schnitt durch die Haut am Handgelenk spaltet der Operateur das Band, legt den Nerv frei, untersucht und befreit ihn von eingeschnürten und verklebten Sehnen. Zudem kann er verdicktes Sehnenscheidegewebe entfernen.

Bei der zweiten Variante, der Endoskopischen Spaltung, nähert sich der Arzt dem Karpalband mit einem Endoskop, das er über einen kleinen Schnitt in der Beugefalte des Handgelenks einführt. Zwar hinterlässt diese als minimalinvasiv bezeichnete Methode eine mit anderthalb Zentimetern nur halb so große Narbe. Die Gefahr, Nerven und Sehnen zu verletzen, ist durch die eingeschränkte Sicht bei dieser Methode jedoch auch größer.

Nach drei Tagen ist der Schnitt verheilt. Jürgen Willebrand SIEHE GRAFIK]verordnet/SIEHE GRAFIK] dann seinen Patienten SIEHE GRAFIK]für zehn Tage, /SIEHE GRAFIK]wie er es nennt, „ein Schmerzmittel ohne Nebenwirkungen“ – nämlich einen Gipsverband. Krankengymnastik ist meist nicht notwendig.

Oft erholt sich der Nerv wieder vollständig. Je nach Schädigung kann es aber bis zu einem Jahr dauern, bis er verheilt ist. Während der Rekonvaleszenz können unangenehme Empfindungen in der Hand oder Schmerzen auftreten. Meist ist der Patient jedoch schon in der Nacht nach der Operation von seinen Schmerzen befreit und nach sechs Wochen kann er wieder arbeiten.

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