Berlin : Telefonzellen: Das Nachrüst-Telefon

Ingo Bach

Die Deutsche Telekom rüstet schon wieder ihre Telefonzellen um. Doch diesmal geht es nicht um ästhetische oder technische Modernisierung, sondern um Grundlegendes: die Häuschen werden durch schmale Säulen - Telestationen genannt - ersetzt. Die allerdings bieten keinerlei Schutz gegen Wetter und Lärm. Ein Fehler, der zum Ende des Jahres ausgeräumt sein soll. Das ursprüngliche Design wird um ein Dach und schallschützende Seitenteile ergänzt.

Die Aufstellung der Telestationen hat in Berlin schon begonnen. Wie viele es am Ende sein werden, darüber gibt es keine Angabe. Die alten Häuschen werden nach und nach ersetzt. Trotzdem sollen nicht alle Telefonzellen verschwinden. "Ein Komplett-Austausch macht wirtschaftlich keinen Sinn", sagt Telekom-Sprecher Peter Kespohl. Die demontierten Häuschen der neuesten Generation sollen an anderen Orten wieder aufgebaut werden. Zum Beispiel an stark befahrenen Straßen, weil sie den Lärm besser abschirmen.

Die Säulen hat die Telekom im Jahr 2000 zur Expo in Hannover vorgestellt. Sie seien von den Kunden gut angenommen worden, sagt Kespohl. Vor allem deshalb, weil man sowohl mit Karte als auch mit Münzen telefonieren kann. Die Fernsprecher sollen bald auch Kreditkarten akzeptieren.

Doch es gibt auch Kritik. Die aktuelle Telestation lässt den Kunden buchstäblich im Regen stehen. Schutz gegen Lärm und Wetter gibt es nicht. Der alte Hinweis "Fasse Dich kurz!" ist also gar nicht mehr nötig. "Schönwettertelefon" schimpfen die Kunden. Doch die Telekom verspricht Abhilfe: Mit der Umstellung der Säulen auf den Euro Ende diesen Jahres montieren Telekom-Techniker auch ein Dach und Seitenschutz.

Telefonsäulen sind billig, sie kosten 5000 Mark weniger als die 15 000 Mark teuren Häuschen. Außerdem sind sie leichter zu reinigen und können besser gegen Zerstörung geschützt werden. Vandalismus an den bundesweit 125 000 Telefonzellen ist für die Telekom ein erheblicher Kostenfaktor: zwölf Millionen Mark gibt der Konzern jährlich für Reparaturen aus.

Die Anzahl der Telefone bleibe unverändert, verspricht die Telekom. In Berlin stehen 6300 Telefonzellen. Allerdings werden die vorhandenen Standorte den Bedürfnissen der Kunden angepasst. Das heißt, Zellen, die zu wenig Geld bringen, werden an lukrativere Orte verlagert. Auch die zunehmende Verbreitung von Mobiltelefonen lässt die Nachfrage nach Fernsprechern schrumpfen. Zahlen darüber, wie weit sie den öffentlichen Telefonen Marktanteile abspenstig machten, gebe es allerdings nicht, sagt Kespohl. Doch trotz Mobilfunk habe das öffentliche Telefonieren Zukunft. "Sonst würden wir wohl kaum so einen Aufwand treiben." Die Telekom kann auch gar nicht anders. Denn laut Auflage der Regulierungsbehörde muss das Ex-Staats-Unternehmen flächendeckend Telefone unterhalten, das heißt mindestens alle drei Kilometer eine.

Die Geburtsstunde des öffentlichen Telefons hatte 1899 geschlagen. Damals experimentierte die Reichspost in Berlin mit den ersten deutschen Münzautomaten, die man in Postämtern, auf Bahnhöfen und in Geschäften installierte. Zehn Jahre später schloss der Magistrat mit der Deutschen Kioskgesellschaft, die überall in der Stadt Verkaufskioske betrieb, einen Vertrag, der es ihr erlaubte, auch öffentliche Münz-Fernsprecher zu betreiben. Das Bedürfnis nach halbwegs mobiler Telefonie war stark gestiegen. In den 20er Jahren wuchs die Zahl der "Fernsprechzellen" in Berlin auf 200 an. In diesen schnellen Zeiten stellte sich bald die Effizienz-Frage nach standardisierten Telefonhäuschen. Bis dato war der Gestaltungsphantasie keine amtliche Begrenzung gesetzt. Meist standen aufwändig aus Holz gefertigte Einzelstücke mit einer Sitzgelegenheit für die Telefonkunden an den Straßen. Doch 1928 wurde am Reichskanzlerplatz der erste Zellentyp einer neuen Ära aufgestellt: aus Stahl und Glas gefertigt, auf einer standardisierten Grundfläche von einem mal einem Meter. Das "Fernsprechhäuschen", so die postamtliche Bezeichnung, geriet zum Exportschlager, den die Post überall im Reich aufstellte. Die Beamten regelten auch die Farbgebung: zunächst gelb, blau und grau, ab 1935 dann rot, weiß und schwarz. 1946 dann wurden sie wieder postgelb. Und das blieb jahrzehntelang so, übrigens auch in der DDR.

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