Tempelhofer Feld : Pampa mit Aussichten

Wieder wird gestritten ums Tempelhofer Feld: Gehen die Pläne für die große Wiese auf Kosten der Freiheit?

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Total frei. An Wochentagen herrscht herrliche Leere auf dem Tempelhofer Feld, an Schönwetter-Wochenenden kommen bis zu 50 000 Freiluft-Fans zum Grillen und Chillen.
Total frei. An Wochentagen herrscht herrliche Leere auf dem Tempelhofer Feld, an Schönwetter-Wochenenden kommen bis zu 50 000...

Die Bezeichnung „Park“ ist eigentlich zu viel der Ehre. Es ist nur ein aufgelassener Flughafen, dem allein der Löwenzahn und vereinzelte rote Hinweisschilder etwas Farbe geben. Und doch hat der Ort einen ganz besonderen Reiz, der zur Mitte hin immer stärker wird: Bald ist man allein mit dem Geträller der Feldlerchen am Himmel und dem Keuchen sporadisch vorbeiziehender Jogger. Die neuerdings so genannte „Tempelhofer Freiheit“ ist Pampa, aber mit Blick auf Fernsehturm und Dom. Also eine Weltstadtpampa und damit etwas Besonderes. Knapp ein Jahr nach der Eröffnung sehen viele Besucher – an schönen Sonntagen kommen bis zu 50 000, bei Werktagsniesel eher 3000 – keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Als „Zerstörungswerk“ bezeichnet Florian Mausbach, der langjährige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, den gerade aus 78 Wettbewerbsbeiträgen gekürten Siegerentwurf für die Gestaltung der Fläche. Geht die Parkwerdung auf Kosten der Freiheit?

Parkmanager Michael Krebs von der landeseigenen Firma Grün Berlin ist Herr der Weite – und kennt aus Befragungen auch die Wünsche jener Berliner, die mit dem Ex-Flughafen nichts anfangen können: Ihnen fehlten nicht nur Querverbindungen zwischen den langen Wegen, sondern auch Schatten, Wind- und Regenschutz sowie Sitzgelegenheiten. Nicht nur Fußgänger und Senioren seien unterrepräsentiert, sondern auch Kinder, weil es keinen Spielplatz gibt. Der typische Parkbesucher sei um die 40 und sportlich – oder er pflegt ein raumgreifendes Hobby: lässt Drachen steigen, Modellautos schwirren oder sich per rollendem Surfbrett vom Winde verwehen. Hinzu kommen Griller und Leute mit Hund, für die spezielle Flächen reserviert sind. Sie alle arrangieren sich bisher friedlich auf dem mehr als drei Quadratkilometer großen Terrain. Auch von den Zaunniederreißern und Parkbesetzern ward lange niemand mehr gesehen. Auf einer linksautonomen Internetseite blinkt noch immer wild der Aufruf zum Aktionstag: „Nehmen wir uns die Stadt zurück! 8. Mai 2010.“ Am kommenden Sonntag ist die Eröffnung also ein Jahr her. Es soll ein Jubiläumsprogramm geben mit IGA- Lauf, Würstchenstand und Stadtentwicklungssenatorin. Nichts allzu Großes.

Vor Schönwetterwochenenden rekrutiert der Parkchef zusätzliche Aufpasser und Müllbehälter – mit Erfolg. Selbst die Feldlerchen, die im Wiesenmeer zwischen den Landebahnen brüten, haben die Nerven behalten und sind wieder da.

„Was den Park angeht, wären wir schlecht beraten, wenn wir einfach nur nichts machen würden“, findet Krebs. „Und die Befürchtung, dass wir hier alles umkrempeln, ist unbegründet.“ Gerade der Siegerentwurf des britischen Büros Gross.max verschone die zentrale Freifläche konsequenter als die Konkurrenten, die teilweise so viel Bepflanzung vorsahen, dass man die Freiheit vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen hätte.

Am Montagabend wird der Siegerentwurf öffentlich präsentiert: Ein Birkenwäldchen am Südrand, ein ebener Rasenplatz sowie elliptische Wege vor den Hangars im Nordwesten, ein kleiner See im Norden, Sport- und Spielplätze für den Schillerkiez im Osten. Dort könnte auch der 60 Meter hohe Berg entstehen. Den Vorwurf der kleinteiligen Beliebigkeit parieren Krebs und seine Kollegen mit einem „Ja eben!“, denn erst dadurch werde aus der großen Freiheit ein Ort fürs Glück im Kleinen. Außerdem sollen die Bewirtschaftungskosten von jährlich einer knappen Million Euro nur für die Grünflächen nicht unnötig in die Höhe getrieben werden. Zumal Tempelhofer Freiheit auch freien Eintritt bedeutet.

Vielleicht wirkt die Freiheit auf dem Luftbild stärker bedroht, als sie es in Wahrheit ist. Krebs rollt das Plakat mit der Draufsicht ein und weist auf die anderen Darstellungen, die den Park aus dem Besucherblickwinkel zeigen. Die geplanten Wege, die aus der Vogelperspektive wie brutale Schnitte durchs Grün wirkten, verschwinden jetzt fast im hohen Gras. Die Internationale Gartenbauausstellung (IGA), die im Sommer 2017 – mit Eintrittsgeld und extra Umzäunung – das nördliche Drittel der Freifläche belegen soll, ist erst das nächste Kapitel. Die Entwürfe dafür stehen noch aus.

Während der Parkmanager die Sorge der Leute vor Veränderung auch als Kompliment für den rauen Status quo auffassen kann, muss die 2010 gegründete Tempelhof Projekt GmbH sich ihre Lorbeeren aller Voraussicht nach hart erarbeiten. Diese ebenfalls landeseigene Firma soll die Ränder für die geplante Bebauung erschließen. Insgesamt 80 von gut 300 Hektar: Der Süden entlang der Ringbahn soll zuerst entwickelt werden – als supermodernes Gewerbegebiet, etwa für die Solarbranche. Die ersten „profilkonformen Interessenten“ haben nach Auskunft von Unternehmenssprecher Martin Pallgen bereits angeklopft. Geplant sind auch ein zusätzlicher S-Bahnhof und eine Brücke über die Stadtautobahn.

An der Südwestecke, am Bahnhof Tempelhof, könnte die neue Landesbibliothek entstehen. Nördlich davon, am Tempelhofer Damm, die „e-THF“ genannte Erlebniswelt rund um Elektromobilität. Das nach Protesten bereits zusammengeschnurrte Columbia-Quartier im Norden soll auf Gesundheitsdienste und Reha- Einrichtungen fokussiert sein. Das Wohnviertel mit Anschluss an den Neuköllner Schillerkiez im Osten wird wohl erst nach 2020 begonnen. „Keine Townhouses“, verspricht Pallgen, der um den Wert des bisher unverbauten Blickes von der leicht erhöhten Ostseite auf den Sonnenuntergang weiß. Vielleicht sollte man mit einer Kita oder einer Schule beginnen, sagt er. Und betont, dass „all diese Nutzungen ja nur mit diesem spektakulären Freiraum in der Mitte funktionieren“.

Der Grafikdesigner Martin Brosch ist skeptisch: „Die geplante Randbebauung nimmt eine ganze Menge von dem, was alle so lieben an dieser großen, weiten Fläche.“ Brosch ist im vergangenen August mit seiner Idee für einen Tempelhofer See samt Bötchen und Insel mit Windrad berühmt geworden. Am Wettbewerb war er nicht beteiligt, und Parkmanager Krebs hält den Vorschlag für absurd. Aber wenn Berlin irgendwo Platz für große Überraschungen hat, dann hier.

Präsentation des Entwurfs: Mo., 2.5., 18 Uhr, Flughafengebäude A 2, Columbiadamm (Nähe Platz der Luftbrücke)

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