Berlin : Tempodrom: Die Zelte abgebrochen

Katharina Körting

Bunter Müll schwimmt in Pfützen: eingeweichte Plakatfetzen, Lappen, Nägel. Ansonsten ist das Gelände des Tempodroms am Ostbahnhof leer. Alles ist weg. Die Gerätschaften sind verkauft oder verschenkt. Das Zelt hat ein Unternehmen, das Techno-Veranstaltungen im Umland anbietet, erworben. Am Freitag wurde das Grundstück der Post AG besenrein übergeben. Dann verweisen nur noch ein paar Graffiti, die der Yaam-Club hinterlassen hat, an die bunten Zeiten der "Heimatklänge". Bei den wenigen übrig Gebliebenen der einst über 30 Mitglieder umfassenden Crew herrscht Nostalgie. "Unsere Kinder sind im Wohnwagen groß geworden", erzählt Tommi Krippner, der für den Ausschank zuständig war. Als die Zelte im Tiergarten standen, 1984 bis 1998, haben während der Saison bis zu 50 Leute aus vielen Ländern in Wohnwagen gewohnt. "Das war Multikulti", sagt Paul Busch, ein Nachkomme der Zirkus-Busch-Familie und Illusionskünstler, der von Anfang an dabei war. Jemand aus der Berliner Varieté-Szene bat ihn damals zu kommen. Er solle einer Krankenschwester, die sich mit ihrem Erbe den Traum von einem Zirkuszelt erfüllte, helfen. "So fing das alles an", sagt der Artist, "obwohl ich eigentlich die Schnauze voll hatte von Zirkus." Busch war zu der Zeit an einem Zaubertheater in der Nähe von Augsburg engagiert. Aber dann hat er sich doch überreden lassen mitzumachen, als Zeltmeister.

Seit der Gründung des Tempodroms 1980 - damals stand Irene Moessingers Zelt noch auf dem Niemandsland am Potsdamer Platz - hat er aufgebaut und repariert und zwischendurch eigene Tourneen gemacht. "Die ersten Jahre waren chaotisch", erinnert sich Busch, "da ging es ziemlich rund, mit vielen lustigen Produktionen." Es habe ihm Spaß gemacht, weil jeder einzelne all seine Fähigkeiten entfalten konnte. "Das Wichtigste ist doch, dass die Arbeit Spaß macht", findet Busch, "sonst kann man sich ja gleich ans Fließband stellen." Tommi Krippner ergänzt: "Man hatte immer einen Schraubenzieher in der Hand, wir mussten ständig improvisieren."

Einen Schraubenzieher wird er im neuen Tempodrom am Anhalter Bahnhof, das im Dezember mit weitgehend neuer Crew eröffnet, kaum brauchen. Auch in einem Wohnwagen wird niemand mehr nächtigen. "Da wird alles anders", sagt Busch, "kommerzieller". Er verlässt die Tempodrom-Familie, zieht nach Schweden. "Vielleicht mache ich irgendwann wieder Varieté", überlegt der 54-Jährige. Krippner bleibt, doch für ihn ändert sich mit dem Wechsel in das moderne Stahlzelt sein ganzer Lebensstil. 18 Jahre lang hat er nur in den Sommermonaten gearbeitet. Im Winter wurde "Winterschlaf gemacht oder gereist, das wird mir fehlen." Das bürgerlich-geregelte Leben erscheint dem 50-Jährigen noch etwas unheimlich. Auch die familiäre Atmosphäre im Team werde ihm fehlen - einem Team, das auch Leute mitgetragen habe, die sonst nirgendwo untergekommen wären.

Am Anhalter Bahnhof wird Krippner den Ausschank an sieben Bars koordinieren. "Vor etwas Neuem hat man ja immer Angst", meint er, "aber ich freue mich auch auf die neue Aufgabe." Immerhin: Völlig fremd wird der künftige Arbeitsplatz nicht sein: Einige alte Weggefährten und zwei zu Bars umfunktionierte Bauwagen kommen mit ins neue Tempodrom und erinnern an die alten Zeiten. Und der ausgewanderte Zirkusmann Busch will sofort anreisen und aushelfen, wenn doch mal Not am Mann ist - Artisten-Ehrenwort!

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