Berlin : Terror, Stasi, Liebe - Maison-de-France-Prozess neigt sich Ende zu

Terror, Sprengstoff, Stasi und Liebe waren der Stoff für den bislang 184 Verhandlungstage dauernden Mammutprozess gegen den einst als Top-Terroristen gesuchten Johannes Weinrich. Fast vier Jahre hat das Landgericht über die Anklage gegen den heute 52-Jährigen verhandelt. 1983 soll er den Bombenanschlag auf das Maison de France organisiert haben. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes - die Verteidigung Freispruch. Am Montag wird das Urteil erwartet.

Am 25. August 1983 um 11.20 Uhr detonierten vermutlich mehr als 20 Kilogramm Sprengstoff im französischen Kulturzentrum am Kurfürstendamm. Ein 26 Jahre alter Mann starb in den Trümmern. 23 Menschen wurden verletzt, viele schwer.

Die Staatsanwaltschaft hält das für einen "aberwitzigen Privatkrieg". Die Carlos-Bande, benannt nach dem in Frankreich inhaftierten Ilich Ramirez "Carlos" Sanchez, habe damals die Freipressung von Komplizen gewollt - darunter auch die Geliebte von "Carlos". Ihre Terrorakte habe die Gruppe, als dessen Vizechef Weinrich galt, zunächst als Kampf gegen Imperialismus oder für die Befreiung Palästinas begonnen. Später, vermuten die Ermittler, ließen sich die Profis aber auch für Geld anheuern.

Für westliche Ermittler war die Carlos-Bande lange Zeit nicht zu fassen. Die Stasi verschaffte der Gruppe Rückzugsmöglichkeiten. Die Stasi sah in ihnen Gesinnungsgenossen gegen den Westen und wollte Anschläge auf dem eigenen Territorium verhindern. Erst als die Mauer fiel, kamen die Ermittler voran. Weinrich, so belegen das nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Stasi-Unterlagen, habe damals den Sprengstoff nach Ost-Berlin gebracht. Danach sei die Bombe in der syrischen Botschaft in Ost-Berlin zwischengelagert worden.

Die Staatsanwaltschaft verweist auf das Geständnis eines wegen Beihilfe mitangeklagten syrischen Ex-Diplomaten, der den Sprengstoff an Weinrich herausgegeben haben will. Auch gebe es ein Bekennerschreiben von "Carlos". Und schließlich wurde bereits ein früherer Stasi-Mitarbeiter wegen Beihilfe verurteilt. Die Verteidigung sieht die Beweise hingegen nicht als ausreichend an: Es fehle der Nachweis, wie der Sprengstoff von Ost-Berlin in den Westen und an einen (verstorbenen) Libanesen gekommen sei, der die Bombe im Gebäude deponiert hatte.

Unabhängig davon, wie das Gericht nun entscheidet: Auf freien Fuß dürfte Weinrich so schnell nicht kommen. Nach Abschluss des ersten Prozesses wird ein zweiter Prozess erwartet. Dabei geht es um einen Anschlag 1975 auf den Pariser Flughafen Orly, den Anschlag auf den amerikanischen Sender "Freies Europa" in München 1981 und um ein Attentat auf den saudi-arabischen Botschafter 1983 in Griechenland.

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