Berlin : Terrorismus: Die Angst vor dem Terror wächst

Ingo Bach

Die Unruhe unter den Berlinern wächst. Seit dem Beginn des Gegenschlages der USA gegen die Taliban und den erneuten Terrordrohungen Osama bin Ladens verbreitet sich ein diffuses Gefühl der Bedrohung, so die Erfahrungen von Berliner Telefonberatern und Psychiatern. "Es kommen jetzt wesentlich mehr Menschen zu uns, die um Hilfe bitten", sagt Renate Laudan-Tischer von der psychosozialen Beratungsstelle des Diakonischen Werkes Neukölln. Das derzeitige Unsicherheitsgefühl verstärke die vorhandenen Ängste. Gerade Menschen, die unter Psychosen leiden - zum Beispiel unter der Angst vor großen Menschenansammlungen, vor geschlossenen Räumen oder leeren Plätzen -, seien dafür besonders anfällig.

"Psychosen sind ja eigentlich irreale Ängste", sagt Laudan-Tischer. Normalerweise therapieren die Psychologen diese Erkrankung, indem sie die Ängste mit der Realität konfrontieren, einer Realität, die keinen Grund für Furcht liefert. Doch derzeit wandeln die Psychologen auf einem schmalen Grat, hat die Bedrohung doch einen realen Kern. Und es ist zumindest verständlich, wenn man sich aus Furcht vor Anschlägen vor Menschenansammlungen oder geschlossenen Räumen fürchtet. "Unter diesen Umständen kann unser Ziel nicht sein, die Ängste wegzutherapieren, sondern mit ihnen ein möglichst normales Leben führen zu können." Die reale Bedrohung kann für manchen Angst-Patienten sogar einen positiven Nebeneffekt haben. Laudan-Tischer: "Für sie ist es entlastend zu wissen, dass ihre Angst in gewissem Maße berechtigt ist."

Auch beim Berliner Krisendienst, der zehn Telefonberatungsstellen in Berlin betreibt, registrieren die Psychologen mehr Hilferufe. Nach dem Anschlag vom 11. September waren die Telefone eine Woche lang heißgelaufen. Seit zwei Tagen zeige die Tendenz erneut klar nach oben, sagt Angela Hofmeister vom Krisendienst.

Roland Urban, Vorsitzender des Verbandes Berliner Nervenärzte, konstatiert zwar keine dramatische Zunahme von Patienten, die wegen Angstzuständen in seine Praxis kommen. Allerdings tauche das Thema verstärkt bei Patienten auf, die sich bereits in Behandlung befinden. "Die Erfahrungen aus Kriegssituationen besagen, dass es auch da keine Zunahme an Angstpatienten gab", sagt Urban. Doch könnten Phobien deutlicher zu Tage treten, weil die Bedrohung zu einem Kristallisationspunkt für die Angst wird. "Das Ausmaß der Furcht bleibt gleich, nur die Dinge, an denen sie festgemacht wird, ändern sich."

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