THEKEN Tanz : Rule 405

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Der Monsun, der Berlin in diesem Sommer mit wenigen Unterbrechungen heimsucht, kommt den Cocktailbars wohl gelegen. Das viele Geplätscher treibt das Publikum aus den Biergärten in die Lokale zurück, die sonst bei schönem Wetter eher gemieden werden. Eine hübsche, bislang kaum bekannte Gelegenheit für sommerliches indoor drinking gibt es in der Wallstraße in Mitte. Da hier eine Cocktailbar allein vermutlich kaum überleben würde, ist das „Rule 405“ von einem Hotel umrahmt, dem „Park Plaza Wallstreet Berlin“. Trotz der Nähe zu touristischen Trampelpfaden steht es eher im Windschatten der großen Häuser. Dennoch oder gerade deshalb haben sich hier schon einige Prominente einquartiert, darunter die göttliche Katy Perry, der teuflische Alice Cooper und der Ex-Pontifex der SPD, Franz Müntefering. Das Rule 405 ist also verpflichtet, mehr zu bieten als Bier und Rummelcaipi.

Der Name zeugt schon vom Hang zur Extravaganz. Die Rule 405 zählt zum Kodex der New Yorker Börse und besagt, Wertpapierhändler dürften ihren Kunden nur Geschäfte anbieten, bei denen keine Verluste zu erwarten sind. Das scheint ja nicht immer geklappt zu haben, dennoch zögerten drinking man und compañera nicht und betraten die Bar (auch um dem fiesen Regen zu entgehen). Der Anblick ließ auch keinen derben Betrug befürchten. Allerdings gehobene Preise.

Den langen Tresen dominiert eine wuchtige, dunkle Marmorauflage. Die runden Barhockersessel umrahmen üppig das Sitzfleisch der Gäste. An der Fensterfront stehen schwere, gold- und silberfarbene Clubsessel, die eine beträchtliche Sinktiefe bieten. Das alles wirkt jedoch nicht protzig, sondern wie eine ironische Hommage an das Gehabe neureicher US-Börsengurus. Die Wallstraße wird mächtig zur Wallstreet geadelt. Ob Franz Müntefering hier nach Heuschrecken gesucht hat?

Da muss natürlich auch in der Karte ein wenig übertrieben werden. Ein Bellini wird für stolze 19 Euro angeboten, in auffälligem Kontrast zu anderen normalpreisigen Cocktails. Drinking man und compañera gönnten sich einen bezahlbaren und aromatischen Americano (Campari, Tanqueray London Gin, Martini Rosso, Angostura, Soda), den die waitress in einem schiefen Glas brachte, der stark an einen pisanischen Turm erinnerte. Es folgten ein nicht allzu starker, aber gut komponierter Mai Tai und zuletzt der Hausdrink, ein Berlin Wallstreet (Absolut Vanilia Vodka, Bols Triple Sec, Lemon Juice, Vanilla Syrup, Pomegranate Syrup, Passionfruit Nectar, Orange Juice, Grapefruit Juice, Cranberry Juice). Wow. Tiefrot und geschmacklich superb. Der hätte auch 19 Euro kosten dürfen. Frank Jansen

Rule 405, im Hotel Park Plaza Wallstreet Berlin, Wallstraße 23 – 24 in Mitte, Tel.: 847 11 70, täglich von 20 bis 1 Uhr

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