Berlin : Thekentanz: Adagio

Esther Kogelboom

Sich aufheizen lassen in der eigenen Stadt, tja, das kann auch ein ganz gutes Gefühl sein. Ein Gefühl, das einen Kurzurlaub zu zweit mit Wellness-Schwerpunkt ersetzen kann. Man muss einfach nur spät nachts mit ein paar Geldscheinen in der Tasche und fein angezogen zum Marlene-Dietrich-Platz fahren und im Stella-Musical-Theater ein paar Treppen nach unten steigen. Dann ist man im Adagio, der Erlebnis-Discothek, und gleich am Eingang ist eine Art Trevi-Brunnen aus Pappmaché und ein Behälter mit Sand, in dem Räucherstäbchen glimmen. "Liebe, Lust, Leidenschaft" soll hier das Motto sein, deswegen die schwülstige Dekoration, die einen für 20 Mark Eintritt in exotischen Sinnestaumel versetzt.

Der DJ sitzt auf einer Kanzel, und gerade spielt er Madonna. Die Leute von der Dekra, für die der vordere Bereich reserviert ist, können kaum an sich halten. Stöckelschuhe aus und ein deutsche-vita-mäßiges Bad im Trevi-Brunnen? Eine Lilie aus den riesigen, sündigen Blumengebinden klauen und der Liebsten hinters Ohr stecken?

Der DJ spielt jetzt ein Lied von Sandra, "Maria Magdalena". Die ersten Sachbearbeiter betreten die Tanzfläche mit frivolem Hüftschwung. Zwei Asiatinnen mit langen, schwingenden Haaren nähern sich dem erotischen Szenario. Was wird passieren? Mein charmanter Begleiter und ich haben inzwischen auf einer Betbank Platz genommen. Unsere Handflächen sind feucht geworden vor lauter, was weiß ich, prickelnder Sinnlichkeit. Wo man hinschaut, Frauenbeine in schwarzen Stiefelchen, Frauenoberkörper in weißen Blusen. Da, sogar eine hochgewachsene Blondine in scharf geschnittenem Pucci-Kleid! Mein Begleiter seufzt. Die Leute an den Dekra-Tischen stieren mit leicht geöffneten Mündern auf die Tanzfläche. Geil. Das ist das Boudoir der Hauptstadt.

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