Berlin : Thiemo kann wieder durchstarten

Er hat beide Beine verloren, als er vor die U-Bahn gestoßen wurde. Jetzt bekam er ein Auto und einen Job

Tanja Buntrock

Thiemo K. braucht erst einmal einen Schluck Cola. Der 22-Jährige hat schon eine ganz trockene Kehle vom vielen Fragen-Beantworten. Kein Wunder. Alle wollen sie wissen, wie er sich denn so fühlt in seinem neuen, behindertengerechten Auto, das ihm der Unternehmer Hans Wall geschenkt hat.

Thiemo K. sagt, er ist noch ganz gerührt, wie sehr die Berliner an seinem Schicksal Anteil nehmen. Über 100 000 Euro Spenden kamen in den vergangenen Monaten für ihn zusammen. Und nun auch noch das Auto. All das, weil ihn im Dezember ein Krimineller vor die einfahrende U-Bahn geschubst und Thiemo dabei beide Unterschenkel verloren hat (siehe Kasten).

Blau! So blau, wie das Logo der „Wall AG“, ist der VW Golf Variant, der Thiemo jetzt gehört. „Blau war schon immer meine Lieblingsfarbe. Mit der Firma hatte das nichts zu tun“, sagt er und grinst. 25 440 Euro ist der Wagen wert. Damit Thiemo damit fahren kann, ist der Golf umgebaut worden: Gas und Bremse befinden sich an einem Hebel, den Thiemo mit der Hand bedienen kann. „Aber die Gas- und Bremspedale unten bleiben bestehen, so können auch Nicht-Behinderte damit fahren“, sagt Thiemo. Klimaanlage, Schalensitze, Multifunktionslenkrad, Rückfahrwarnsignal… Thiemo zählt begeistert auf, was alles zur Ausstattung gehört.

Hans Wall beobachtet genüsslich, wie Thiemo hinterm Lenkrad verschiedene Knöpfe drückt. „Dem Jungen musste einfach geholfen werden“, sagt der Unternehmer und Spender. Er habe von Thiemos Schicksal in der Zeitung gelesen und wollte ihm etwas Gutes tun. „Mich hat selten etwas so sehr aufgeregt. Das ging uns doch wohl allen so. Wir müssen zeigen, dass wir in Notsituationen für einander da sind.“ Doch Wall möchte es nicht beim PS-starken Geschenk belassen. Er bietet Thiemo einen Job bei der „Wall AG“ an. „Der Junge lernt Kaufmann, da werden wir schon einen passenden Bereich finden. In Kürze setzen wir uns zusammen und bereden alles“, sagt Wall mit stolzem Lächeln.

Thiemo ist begeistert. „Ich würde gerne in dem Unternehmen anfangen.“ Bis vor seinem Unfall hat er eine Ausbildung beim Haushaltsgeräteservice Hermann in Neukölln gemacht. „Die Ausbildung ist bald abgeschlossen. Wahrscheinlich würde mein Chef mich auch übernehmen. Aber ich habe hauptsächlich Arbeiten in der Werkstatt gemacht. Das geht mit meiner Behinderung nicht mehr, ist einfach zu gefährlich.“

Thiemo sagt, er habe Glück gehabt. Glück, dass er überlebt hat. Aber er sei auch dankbar, dass er eine Familie hat, ein paar Freunde und so viele Menschen, die ihm helfen wollen. Vor allem seine Freundin und seine eineinhalb Jahre alte Tochter Chantal hätten ihn darin bestärkt, seinen Lebensmut nicht zu verlieren. „Natürlich denke ich noch an den Unfall. Manchmal träume ich nachts davon und wache auf“, sagt er. „Aber ich versuche es zu verdrängen. Meine Familie hilft mir dabei. Aber auch die Psychiater. Reden hilft wirklich. Das hätte ich vorher nicht gedacht“, sagt Thiemo.

Nun hofft er, seine Freundin noch für seinen Urlaubswunschort begeistern zu können: Die Malediven. Thiemo ist ein begeisterter Taucher. Ob er das noch kann? „Na, klar“, sagt er. Wozu gibt es Spezialprothesen?

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