Tier-Begegnungszone in Schmargendorf : Schwein für den Wilden Eber

In Schmargendorf gibt es neuerdings eine Tier-Begegnungszone. Der erste Bewohner könnte kaum passender sein. Er heißt Bärchen und hat eine beachtliche Leibesfülle

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Kumpeltyp. Der zahme Eber Bärchen lässt sich von Pflegerin Michelle Siewert gerne kraulen, aber er kann auch mal ganz schön zickig sein.
Kumpeltyp. Der zahme Eber Bärchen lässt sich von Pflegerin Michelle Siewert gerne kraulen, aber er kann auch mal ganz schön zickig...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nein. Brüder im Geiste sind sie nicht. Der bronzene Eber auf seinem Sockel setzt wild und streitlustig zum Sprung an. „Bärchen“ dagegen, das leibhaftige Schwein, wirkt am Sonntag um die Mittagsstunde noch etwas indisponiert. Schubbert sich träge am Ahornstamm. Würdigt seine ersten Besucher keines Blickes.

Auch rein äußerlich ähnelt sich das borstige Duo nur in groben Zügen. Der eine ist recht schlank, muskulös. Ein echter Schwarzkittel. Der andere erinnert mit seiner Leibesfülle eher an ein klassisches rosa Sparschwein. Beide sind seit gut einem Monat auf dem Platz „Am Wilden Eber“ in Schmargendorf vereint – das heißt: die lebensgroße Bronzeplastik verharrt auf der Mittelinsel, während Bärchen am Rande in seinem Gehege grunzt. Bärchen ist der Star der neu eröffneten „Mensch&Tier Begegnungsstätte“ des Tierschutzvereins Berlin.

Das bronzene Wahrzeichen des Platzes Am Wilden Eber ist recht schlank, muskulös, ein echter Schwarzkittel.
Das bronzene Wahrzeichen des Platzes Am Wilden Eber ist recht schlank, muskulös, ein echter Schwarzkittel.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Unterstützt vom benachbarten Wohnheim für ältere Menschen der Wilmersdorfer Seniorenstiftung haben die Tierschützer damit im Südwesten der Stadt eine kleine Außenstelle ihres Tierheimes in Hohenschönhausen-Falkenberg geschaffen. Derzeit ist zwar noch nicht tierisch viel los, neben „Bärchen“ tschilpen und krakelen etliche Wellensittiche und Nymphensittiche in einer großen Voliere.

Aber vom kommenden Frühjahr an sollen dort mehr Bewohner einziehen, zum Beispiel Landschildkröten, Meerschweinchen und Kaninchen. Täglich ist die Begegnungsstätte geöffnet, auch zur Freude der Senioren des Wohnstifts.

Dessen Betreiber hatten zwar auf dem Nachbarareal schon seit vielen Jahren eine Mini-Arche-Noah unterhalten, sie mussten ihren Privatzoo aber im Frühjahr 2015 aus finanziellen Gründen aufgeben. Nun ist der Tierschutzverein eingesprungen, und er begrüßt das zugleich als Reminiszenz an seine Vergangenheit. „Wir sind quasi wieder ein bisschen in unseren alten Kiez zurückgekehrt“, heißt es. Bis 2001 befand sich das Tierheim in West-Berlin, nicht weit vom Wilden Eber, in Lankwitz.

Seit den Zwanziger Jahren hockt der Eber auf seinem Schinken

Einen passenderen Platz als das Gelände „Am Wilden Eber“ hätte der Verein kaum finden können. Seit den frühen Zwanziger Jahren hockt der bronzene Namensgeber startklar auf seinem Schinken – die Vorderläufe straff ausgestreckt – inmitten der Wiese des Rondells, um das der Verkehr rollt.

Der umstrittene Bildhauer Paul Gruson hat die Plastik geschaffen. Später, zur Nazizeit, modellierte er im Auftrag Hitlers eine lebensgroße Statue von Horst Wessel. Sie sollte gegenüber der Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte aufgestellt werden. Dazu kam es aber nicht mehr.

Plötzlich stürmte die Wildsau ins Gartenlokal

Den unverfänglichen Wildsau-Auftrag indessen bekam Gruson aufgrund einer Grunewald-Geschichte von anno dazumal. 1885 war die Gegend rund um den heutigen Platzes noch unbebaut, aber schon damals ein Tor zum nahen Berliner Forst. Spaziergänger stärkten sich dort im einstigen Gartenlokal „Zur Waldschenke“.

Bärchen, der neue Nachbar des bronzenen Ebers, erinnert mit seiner Leibesfülle eher an ein klassisches Sparschwein.
Bärchen, der neue Nachbar des bronzenen Ebers, erinnert mit seiner Leibesfülle eher an ein klassisches Sparschwein.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Doch eines Nachmittags bekamen sie einen großen Schrecken. Plötzlich soll ein Eber auf die Tische zugestürmt sein, schließlich fühlten sich Wildschweine schon damals im Grunewald sauwohl. Der Wirt griff zur Knarre, erschoss das Tier, verarbeiteten es in der Küche und benannte sein Restaurant werbewirksam um. Fortan hieß es „Zum Wilden Eber“. Doch noch zur Kaiserzeit machte das Lokal dicht. Wer heute im Internet surft, findet in Schmargendorf nur noch ein Hotel „Zum Wilden Eber“.

Schwarzkittel mögen keine rosarote Konkurrenz - sie attackierten Bärchen

Und Bärchen? Das lebendige Schwein hat auch eine spannende Geschichte. „Bärchen“, sagt die zuständige Tierpflegerin Michelle Siewert, „ist etwa acht Jahre alt und vermutlich ein Mix aus Minischwein und Hängebauchschwein.“ Deshalb die üppige, fast am Boden schleifende Wampe und die wulstigen Backen.

Den rosa Teint hingegen hat er von der zweiten Rasse abbekommen. Bärchen wurde vor etwa sechs Jahren mitten im Tegeler Forst vermutlich von seinen früheren Haltern ausgesetzt und von Wanderern gefunden. „Da lag er übel zugerichtet am Boden“, erzählt Siewert. Sie geht davon aus, dass ihn eine Wildschweinrotte verletzte. Die mögen keine rosarote Konkurrenz im Forst.

Der Tierschutzverein päppelte Bärchen im Tierheim Hohenschönhausen auf. Dort lebte er bis zum Umzug nach Schmargendorf. Sogar in eine geheizte Hütte kann er sich hier nun im Winter zurückziehen. Tagsüber allerdings, gräbt Bärchen mit seinem Rüssel jetzt noch heftig den Boden um, mampft bevorzugt Äpfel und Karotten, röhrt laut wie ein Presslufthammer, wenn ihm Michelle Siewert beim Fressen zu nahe kommt, lässt sich aber ansonsten gerne „an seinen erotischen Zonen“ hinter den Ohren und am Bauch kraulen. Es sei denn, er ist schlecht drauf wie Sonntagmittag.

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