Berlin : Tödliche Flucht: Beamte werden befragt

16-Jähriger floh vor einer Streife und raste gegen Baum. Polizei weist Vorwürfe des Vaters zurück

Jörn Hasselmann

Die Polizei hat Vorwürfe eines türkischen Vaters zurückgewiesen, sein Sohn sei durch eine Verfolgungsjagd von Bematen unnötig erschreckt worden und deshalb gegen einen Baum gerast. „Wir hetzen niemanden zu Tode“, sagte ein Polizeisprecher gestern. Der Jugendliche hätte sich einer Kontrolle entziehen wollen. Der 16-jährige Kadir E. war am 28. Dezember mit mehr als Tempo 100 auf dem Tempelhofer Weg von der Fahrbahn abgekommen, gegen einen geparkten Anhänger und dann gegen einen Baum geprallt. Kadir E. war tot, sein gleichaltriger Freund Serkan C. schwer verletzt. Kadir E. – der mit 16 keinen Führerschein hatte – war einer Funkstreife aufgefallen, weil er am Britzer Damm bei Rot in den Tempelhofer Weg einbog. Nachdem der Golf 500 Meter weiter an der Kreuzung Gradestraße auch die nächste rote Ampel missachtete, schaltete die Streife Blaulicht und Martinshorn ein und folgte dem nun stark beschleunigenden Golf. Nur etwa einen Kilometer weiter, noch vor der nächsten großen Kreuzung, prallte der Wagen dann gegen den Baum.

Das Verhalten der Beamten in der Funkstreife sei korrekt gewesen; gegen sie werde nicht ermittelt, betonte der Sprecher, dafür gebe es auch keine Anhaltspunkte. „Reagiert besonnen in solchen Situationen, um die Jugendlichen nicht in Panik zu versetzen“, hatte das Familienoberhaupt, wie gestern berichtet, in der türkischen Zeitung Hürriyet appelliert.

Die beiden Beamten sind heute nach dem Jahreswechsel wieder im Dienst und sollen zum Geschehen befragt werden, sagte ein Polizeisprecher. Deshalb könne man noch nicht genau sagen, wie groß der Abstand genau war, den die Streife hielt. Nach Polizeiangaben soll Kadir E. den Golf seiner Eltern auf mehr als Tempo 100 beschleunigt haben. Sein Freund Serkan C. sagte türkischen und deutschen Zeitungen, er könne sich an nichts erinnern. Da alle Funkstreifen einen Unfalldatenspeicher an Bord haben, ist genau protokolliert, wie schnell das Polizeiauto fuhr und auch, wann es Blaulicht und Martinshorn eingeschaltet hat. Dieser Datenspeicher ist noch nicht ausgewertet.

Die Anforderungen in solchen Situationen sind für die Polizisten hoch: Sie sollen bei einer Verfolgung weder das andere Auto aus dem Auge verlieren, noch sich selbst, den Flüchtenden oder Dritte gefährden. Deshalb gilt die strikte Anweisung, Verfolgungen abzubrechen, wenn es zu gefährlich wird. Da sich Kadir E. bereits einen Kilometer nach Beginn der Verfolgung tot gefahren habe, sei keine Zeit gewesen, zusätzliche Kräfte anzufordern, die den Jugendlichen durch eine Straßensperre hätten stoppen können. Doch auch dies hätte fatal enden können, wie ein Vorfall aus dem Jahr 2003 zeigt: Damals raste der 24 Jahre alte Kai T. mit hoher Geschwindigkeit am Ernst-Reuter-Platz gegen eine auf der Straße quer gestellte Funkstreife, sein Beifahrer wurde dabei getötet.

Im Jahr 2005 war ein Motorradfahrer auf der Flucht vor der Polizei tödlich verletzt worden. Damals hielt die Funkstreife 300 Meter Abstand, als ein 35-Jähriger mit seiner Maschine bei hoher Geschwindigkeit ins Schleudern kam und gegen einen Baum prallte.

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